Historiker Werner Michael Schwarz mit einer alten Ansicht des Amalienbads. Er hat die Ausstellung im Wien Museum MUSA kuratiert. © Bohmann/Andrew Rinkhy

 

Eine Stadt als Versuchslabor

Die vor 100 Jahren angebrochene Reformphase des Roten Wien hat weit mehr bedeutet als die Blütezeit des sozialen Wohnbaus. Die Ära war ein Nährboden für neue Ideen von Bildung über Gesundheit bis zur Freizeit, in der auch die Wissenschaft beflügelt wurde.

Was über Jahrhunderte wie in Stein gemeißelt war, hatte anno 1919 plötzlich keine Gültigkeit mehr. Europa lag in  jeder Hinsicht in Trümmern. Wien war nicht mehr Zentrum der Habsburgermonarchie, sondern große Hauptstadt einer kleinen Republik, die alle Nachwirkungen des verheerenden Kriegs zu spüren bekam. Es herrschte Mangel an fast allem, insbesondere an Wohnraum. Und es herrschten neue gesellschaftliche Verhältnisse, die es zwischen einer selbstbewussten Arbeiterschaft und bürgerlichen Kräften in demokratischer Form auszuloten galt. Frauen hatten das Wahlrecht errungen und waren nicht mehr von den Universitäten ausgeschlossen. "Wer das Rote Wien verstehen will, muss die Dynamik der damaligen Zeit verstehen", sagt der Historiker und Kulurwissenschafter Werner Michael Schwarz über die Epoche von 1919 bis 1934, in der die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Wien mit absoluter Mehrheit regiert hat. Wien wurde zum Versuchslabor für neue gesellschaftliche Ideen. "Diese Ideen entsprechend sichtbar zu machen, war eines der zentralen Elemente des Roten Wien", so Schwarz, der sich als Kurator der Wien-Museum-Ausstellung "Das Rote Wien" in den Räumen des MUSA mit dem Thema intensiv beschäftigt hat.

Meinungen und Debatten

Die monumentalen Gemeindebauten, die Wiens Stadtbild als Ikonen des sozialen Wohnbaus heute noch maßgeblich prägen, sind die symbolträchtigsten Zeugen dieser Ära. Doch wer vom Roten Wien spricht, muss auch an die Ideen im Bereich Bildung und Pädagogik, Gesundheit, Fürsorge, Freizeit und Kultur denken. Statt auf die Methoden der "Drillschule" zu setzen, wurde das selbstständige Lernen propagiert. Der Ausbau der Kinderbetreuung war ebenso Thema wie das Einrichten von Beratungsstellen. In der Politik, in der Planung und in der Partei wurde mit Ideen experimentiert und es wurden viele Fragen gestellt. Mitunter wurde höchst kontrovers diskutiert, sagt Schwarz. "Das Rote Wien war keine homogene Bewegung, sondern muss als ein Chor an Meinungen und Debatten berachtet werden." Sogar im Vorzeigebereich des sozialen Wohnbaus waren zunächst gegensätzliche Modelle aufeinandergetroffen. "Das Konzept der großen Gemeindebauten konkurrierte in den frühen 1920er-Jahren mit den Ideen der Siedlerbewegung, die das teilautarke Leben in Siedlerhäusern als ideale Wohnform betrachtet hat." Kaum ein Lebensbereich war von der Suche nach neuen Ideen unberührt geblieben.

 

Forschungsgeist

Insbesondere das Beispiel der Architekturpionierin Margarete Schütte-Lihotzky, die wenige Jahre später maßgeblich an der Entwicklung der Frankfurter Küche, der Urform jeder modernen Einbauküche, beteiligt war, verdeutlicht die Suche nach neuen Zugängen. Schütte hatte in den frühen 1920er-Jahren für eine große Ausstellung der Siedlerbewegung Musterhäuser entworfen und sich dabei intensiv mit der Küchenlösung auseinandergesetzt. Die von ihr entworfene Spülküche gilt heute als wichtiger Vorläufer der revolutionären Frankfurter Küche. Der Entwurf orientierte sich an funktionalen Gesichtspunkten. Schütte-Lihotzky war geleitet vom Thema der Rationalisierung des Haushalts. Das Leben musste neu organisiert werden. "Alle Grundideen der Frankfurter Küche waren bei der Spülküche bereits vorhanden", erklärt Schwarz das Pionierhafte am Entwurf. Klarheit, Einfachheit und Zweckmäßigkeit standen im Vordergrund. Attribute, die auch auf das Wirken des Ökonomen und Wissenschaftstheoretikers Otto Neurath zutreffen.

Ideen aus Wien für US-Politik

Neurath, der sich auch als Arbeiter- und Volksbildner verstanden hat, setzte sich intensiv mit der bildlichen Vermittlung von Wissen auseinander. Historiker Werner Michael Schwarz über das Thema: "Die leitende Frage war, wie lässt sich Wissen demokratisieren?" Mit der einfachen Darstellung komplexer Zusammenhänge mittels Piktogrammen versuchten Strömungen des Roten Wien wie etwa die Siedlerbewegung breite Schichten zu erreichen.

Flucht in die USA

Neurath war eine jener Nebenfiguren des Roten Wien, deren Ideen Weltbedeutung erlangten. Als die Roosevelt-Administration in den USA der 1930er-Jahre die Sozial- und Wirtschaftsreformen des "New Deal" zu bewerben hatte, engagierte sie Neurath. Der Weg in die USA erfolgte allerdings nicht freiwillig. Neurath musste als Austromarxist im Jahr 1934 aus Österreich flüchten. Auch für die Sozialwissenschaften hat das Rote Wien ungekannte Möglichkeiten geboten.

 

Pionierinnen forschen

Käthe Leichter leistete mit ihren Studien über das Leben von Industriearbeiterinnen Pionierarbeit. Die Sozialpsychologin Marie Jahoda und der Soziologe Paul Lazarsfeld haben mit der Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" - einer drastischen Schilderung der Armut in einem niederösterreichischen Industriedorf - einen frühen Klassiker der noch jungen wissenschaftlichen Disziplin geschaffen. Schwarz über wissenschaftliche Pionierleistungen: "Gerade im Bereich der empirischen Sozialforschung stehen viele frühe Impulse im Zusammenhang mit dem Roten Wien." Die Biografien der Wissenschafterinnen und Wissenschafter sprechen Bände hinsichtlich der sich bald ändernden Verhältnisse.

Jahoda und Lazarsfeld mussten ebenso wie Neurath emigrieren. Leichter wurde der Anfang der 1940er-Jahre von den Nazis ermordet. Die Machtergreifung durch die Austrofaschistinnen und -faschisten anno 1934 hat das jähe Ende des Roten Wien bedeutet. Die SDAP wurde verboten. Die Faschisten nahmen viele Reformen zurück. Die Spurensuche nach dem Roten Wien im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen habe eine Herausforderung bedeutet, sagt Schwarz. "In den Archiven hat sich zwar viel Verwaltungsmaterial erhalten, doch relativ wenig über die persönliche Anteilnahme des Menschen im Roten Wien." Dennoch sei man auf entsprechende Zeitdokumente gestoßen. "Fündig wurden wir bei den Nachfahren von damals Geflüchteten. Für die Ausstellung kehren Bilder und Dokumente aus der Emigration zurück."