Das Ziel von gendersensiblen Pädagik ist: mehr Spielraum für alle. Die Kinder können alles tun, denken und werden, was ihnen individuell entspricht, unbeeinflusst von einschränkenden Geschlechtsstereotypen. © PID/Votava

 

Typisch Mädchen, typisch Bub - gibt's das noch?

Dass Kinder bereits von Anfang an gleichberechtigt und abseits einengender Rollenstereotype aufwachsen sollen, ist vielen Eltern wichtig. Auch in den städtischen Kindergärten in Wien setzt man auf gendersensible Pädagogik. CLUB WIEN war vor Ort.

Mädchen in der Puppenecke, Buben am Baukasten: Was bei vielen Menschen Erinnerungen an die eigene Kindergartenzeit weckt, ist heutzutage in kaum einem städtischen Kindergarten in Wien anzutreffen. Denn sowohl Mädchen als auch Buben sollen möglichst vielfältige und neue Wege eröffnet werden, fernab von längst überholten und eingestaubten Geschlechterbildern und Stereotypen. Ein Tool, das die Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen bei ihrer Arbeit im Bereich der gendersensiblen Pädagogik unterstützen soll, ist die Education Box.

Eine Toolbox, die vom Frauenservice Wien (MA 57) entwickelt und von den Kindergärten zur Verfügung gestellt wurde. Um Mädchen und Buben in ihrer individuellen Entwicklung zu fördern, stellt die "Education Box" Pädagoginnen und Pädagogen, Eltern und Interessierten Hintergrundinformationen zum Thema gendersensible Pädagogik bereit, regt zum Weiterlesen an, unterstützt dabei, eigene Rollenbilder zu reflektieren, und bietet praktische Anleitungen, wie Kinder ihre Interessen spielerisch entdecken und vertiefen können. Wie das in der Praxis aussieht? CLUB WIEN hat mit Frau Sabine Nicham, Leiterin des Kindergartens in der Bernoullistraße 7, über gendersensible Pädagogik gesprochen und inwiefern die Education Box sie dabei unterstützt.

Schwerpunkt: Gendergerechtigkeit 

Der Kindergarten in der Bernoullistraße setzt bewusst einen gendersensiblen Schwerpunkt. Das heißt, dass die gendersensible Arbeit als Grundlage der täglich gelebten Pädagogik zu verstehen ist. So ist zum Beispiel das Mobiliar im Kindergarten flexibel gestaltet, damit die Kinder die Möglichkeit haben, sich ihren Raum selbst zu gestalten. "Das Spielmaterial ist so gewählt, dass möglichst wenig Rollenklischees über Inhalte transportiert werden. Auch die Literatur ist so gewählt, dass sich jedes Kind, egal ob Bub oder Mädchen, mit den Inhalten identifizieren kann", erzählt Frau Nicham. Eine bewusste Bücher- und Liedauswahl ist wichtig. So sollten keine veralteten Darstellungen, in denen die Mütter überwiegend kochend und die Väter beim Zeitungslesen gezeigt werden, verwendet werden, sondern Kinderbücher, die auf die moderne Rollenverteilung mit im Haushalt tätigen Vätern und arbeitenden Müttern Bezug nehmen. Buben spielen zum Beispiel Wickeln und nicht nur Garagenbauen, Mädchen konstruieren Hochhäuser und nicht nur Puppenbetten. Was ist noch wichtig für eine geschlechtergerechte Pädagogik?

 

Das A und O ist die Sprache

"Ein wichtiges Tool der geschlechtssensiblen Pädagogik ist die geschlechterbewusste Sprache", erklärt Frau Nicham. Das bedeutet, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kindergartens sensibel in der Wahl ihrer Worte sind. "Wir sind Sprachvorbild für die Kinder, daher machen wir Mädchen und Buben durch Sprache sichtbar und vermeiden Klischees", so die Leiterin. Wichtig ist, keine Wortkonstrukte zu verwenden, die in der deutschen Sprache nicht üblich sind. Geschlechtersensible Sprache ist durchaus Alltagssprache und keine Neukreation. "So wird bei uns der 'Kaufmannsladen' nicht einfach durch 'Kauffrauladen' ersetzt, sondern wir verwenden eine geschlechtsneutrale Formulierung wie Geschäft", erklärt Nicham.

Die Education Box als zusätzliches Tool

Bereits 2005 wurde die Education Box erstmals vom Frauenservice (MA 57) herausgegeben. 2015 erschien eine überarbeitete und aktualisierte Version. Diese umfasst insgesamt fünf Themengebiete: gendersensible Pädagogik, Elternarbeit, Medien-Box, Technik-Box und Spiele-Box. Jedes Tool ist für sich nutzbar, zusammengefasst bietet die Education Box eine kompakte Einführung und praktische Umsetzungsmöglichkeiten für die Arbeit in Kindergärten. Zusätzlich wurden in Zusammenarbeit mit Stadt Wien-Kindergärten drei Spots zu gendersensibler Pädagogik entwickelt, die Pädagoginnen und Pädagogen sowie Assistentinnen und Assistenten bei ihrer Arbeit unterstützen. Der erste Teil, "Gendersensible Pädagogik", dient als Einführung in die Thematik und bietet Interessierten eine kommentierte Fachliteratur- und Linkliste mit einem Überblick über praktische Materialien und den aktuellen Stand der Forschung. "Elternarbeit" gibt Anregungen, wie Elternabende und Informationen zum Thema gendersensible Pädagogik gestaltet werden können. Die weiteren Tools, "Medien-, Technik- und Spiele-Box", bieten praktische Übungen, Experimente und auch Spielideen mit dem Fokus auf gendersensible Pädagogik. Dabei erklärt die Education Box, was es aus gendersensibler Perspektive zu beachten gilt und bietet auch verschiedenste Arbeitsunterlagen, Bücher und Materialien an.

Die Box wurde an alle städtischen Kindergärten versendet und online für alle Interessierten veröffentlicht. Auch der Kindergarten Bernoullistraße 7 erhielt die Education Box und verwendet viele Tools, Anregungen und Ideen im Alltag.

Gendern im Alltag

Mädchen und Buben lernen während des Heranwachsens, was in ihrem Umfeld als männlich und als weiblich gilt, und versuchen, diesen Vorstellungen zu entsprechen. Gendersensible Pädagogik eröffnet zusätzliche Handlungsspielräume für Mädchen und Buben, sodass sich alle Kinder, unabhängig von ihrem Geschlecht, frei nach ihren Interessen entwickeln können und schlussendlich selbst entscheiden, wer und wie sie sein möchten.

Im Kindergarten Bernoullistraße werden das eigene Handeln, die Sprache und das Verhalten des gesamten Teams in Bezug auf Rollenstereotype kritisch reflektiert. "Wir achten besonders darauf, traditionelle und einschränkende Arbeitsteilungen sowohl beim Personal als auch bei den Kindern zu vermeiden. Bei uns dürfen sich Kinder in allen Bereichen ausprobieren", so Nicham. Es kann zum Beispiel auch unterstützen, wenn bestimmte Aktivitäten eine Zeit lang in geschlechtshomogenen Gruppen angeboten werden. "Wir setzen bewusst Aktivitäten wie Fußballspielen für Mädchen, Kuchenbacken für Buben. Das Ziel: Buben und Mädchen können sich in einem geschützten Rahmen ausprobieren, ohne von dem anderen Geschlecht angewiesen oder beobachtet zu werden. Buben können aufgrund der vorhandenen Sozialisierung oft besser Fußball spielen als Mädchen und würden die Mädchen vielleicht unabsichtlich entmutigen oder ihnen die Freude am Tun nehmen", so die Kindergartenleiterin. Ganz wichtig dabei ist auch, dass auf die Kinder keinerlei Druck ausgeübt wird, sondern Entfaltungsmöglichkeiten und erweiterte Handlungsspielräume für Mädchen und Buben eröffnet werden.

"Es geht nie darum, Kinder zu etwas zu überreden oder gar zu zwingen. Wichtig ist, Möglichkeiten und Angebote zu schaffen, um allen Kindern, egal ob Mädchen oder Bub, echte Auswahlmöglichkeiten zu bieten", so Nicham.

Was können Eltern tun?

Erwachsene prägen Kinder dadurch was sie ihnen vorleben und beeinflussen Präferenzen und Verhaltensweisen. Wichtig ist, Kindern stets das Gefühl zu geben, dass sie in ihrer Persönlichkeit voll und ganz akzeptiert werden. Wenn Eltern selbst vorleben und ihre Kinder darin bestärken, dass alle Interessen und Vorlieben wertvoll sind, kann das sehr viel Positives bewirken.