Eine Baugruppe für Gas­, Wasser­ und Elektroanlagen vor dem Karl­-Marx­-Hof 1929. © Wien Museum

 

Die Ringstraße des Proletariats

Die massiven Wohnbauprogramme des Roten Wien haben eine Tradition des kommunalen Wohnbaus begründet, die den Mietmarkt in Wien bis heute entscheidend prägt. Für internationales Aufsehen hat insbesondere die Art der Finanzierung gesorgt.

Den Wohnungsmarkt zur öffentlichen Aufgabe zu machen, war in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg keine spezifisch wienerische Idee. In vielen Metropolen Europas flo­rierte der soziale Wohnbau. Doch an kei­nem anderen Ort wurde er ehrgeiziger und symbolträchtiger vorangetrieben als in Wien, was insbesondere mit der Ein­führung einer eigenen Wohnbausteuer deutlich nach außen getragen wurde.

Die zweckgebundene Steuer war ein Alleinstellungsmerkmal des Roten Wien, über die in den 1920er­Jahren auch im Ausland viel gesprochen wurde. Die radi­kal anmutende Finanzierungsform war heftig umstritten. Auch deshalb, weil sie mit einem Bündel an neuen Steuern ein­herging, das vor allem Luxusprodukte be­troffen hat. Doch sie war außerordentlich wirksam. Auf vielen Gemeindebauten der Ära des Roten Wien prangt daher heute noch in großen roten Lettern der stolze Hinweis, dass die Errichtung mit Mitteln der Wohnbausteuer ermöglicht wurde.

Bau-Boom ab 1913

Mit der Einführung der Steuer anno 1923 setzte im Bereich des kommunalen Wohnbaus ein regelrechter Boom ein. Ein erstes Wohnbauprogramm wurde beschlossen, mit dem Ergebnis von über 25.000 neuen Wohnungen in wenigen Jahren. 1927 folgte das zweite Wiener Wohnbauprogramm, das eine ähnliche Dimension hatte. Letztlich sind in den Jahren zwischen 1919 und 1934 um die 64.000 Gemeindewohnungen in rund 400 Gemeindebauten entstanden. Die Lebensqualität breiter Schichten hat sich erheblich verbessert. Elf Prozent der Wie­nerinnen und Wiener wohnten nun im Gemeindebau. Die Wohnungen waren hell und sorgten für erheblich verbesserte hygienische Standards.

Monumentale Häuserfronten

Mit den Bauten hat sich die Politik der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei tief ins Stadtbild eingeschrieben. Denn in erster Linie wurde in der Blütezeit der Gemeindebauten auf monumentale An­lagen mit großer städtebaulicher Wir­kung gesetzt. Mitunter wurden riesige Areale verbaut und die Struktur der Stadt neu definiert. Die rege kommunale Bau­ tätigkeit entlang des Margaretengürtels führte bald dazu, dass die monumentale Häuserfront im Volksmund als "Ring­straße des Proletariats" bezeichnet wurde. Ein Zeugnis des neu erlangten Selbstbe­wusstseins der Arbeiterschaft.

 

Eine gebaute Utopie

Ein Abbild der Politik des Roten Wien war auch die funktionelle Ausgestaltung der neuartigen Wohnbauten, von denen viele über große begrünte Innenhöfe verfüg­ten. In der Planung waren auch Einrichtungen wie Bibliotheken, Kindergärten, Bäder und großzügige Waschküchen berücksichtigt worden, um die starken Bildungs­ und Fürsorgeaspekte des Roten Wien symbolträchtig zum Aus­druck zu bringen. Letztlich bedeutete der massive kommunale Wohnbau des Roten Wien nichts weniger als eine gebaute Utopie.

Ab dem Jahr 1934, in dem die Austrofaschistinnen und -faschisten an die Macht gekommen waren, reduzierte sich die Errichtung neuer Gemeindewohnungen auf ein Minimum. Erst nach dem Zweiten Welt­krieg begann der soziale Wohnbau erneut zu florieren. Der stark ausgeprägte soziale Wohnbau sorgt heute dafür, dass in Wien im Vergleich zu anderen prosperierenden Metropolen verhältnismäßig niedrige Mietpreise herrschen. Der Soziologe Christoph Reinprecht von der Universität Wien über die Bedeutung der Bauten: "Die historische Leistung des kommunalen Wohnbaus in Wien besteht darin, Wohnen der Kontrolle des Markts zu entziehen und als eine öffentliche Aufgabe und ein Menschenrecht zu definieren."

Gerade in Zeiten, in denen in Städten wie Berlin ganz offen darüber diskutiert wird, einst verkaufte kommunale Wohn­ anlagen mittels Enteignung wieder ins öffentliche Eigentum zu holen, ist die Bedeutung der Gemeindebauten nicht hoch genug einzuschätzen. "Die Streuung der Gemeindebauten über das gesamte Stadtgebiet hat zudem den positiven Effekt, dass Wien bislang keine abgeschlossenen, in sich homogenen Reichtums­ oder Armutsquartiere kennt", sagt Reinprecht. Zwar nehmen, wie in anderen Städten, die sozialen und sozial­ räumlichen Ungleichheiten auch in Wien zu: "Der Gemeindebau und mit ihm der öffentlich geförderte Wohnbausektor insgesamt trägt aber wesentlich dazu bei, dass Wohnen, nicht zuletzt für Menschen mit niedrigeren Einkommen, leistbar bleibt."

Dank der regen Bautätigkeit in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg existieren mittlerweile rund 220.000 Gemeindewohnungen. Ein Viertel der Wiener Bevölkerung ist in einem kommunalen Wohnbau zu Hause.

Neue Gemeindebauten

Mitunter wurden riesige Siedlungen errichtet, wie etwa die Per­Albin­Hansson­Siedlung in Favoriten. Von diesem Konzept ist die Stadt aber zu weiten Teilen wieder abgerückt, als ab Mitte der 2000er­Jahre eine generelle Strategieänderung erfolgte. Statt auf klassische Gemeindebauten setzte die Politik auf geförderten Wohnbau. Doch angesichts des riesigen Bedarfs nach leistbarem Wohnraum hat die Stadt vor vier Jahren reagiert. Seit Ende 2017 wird in der Fontanastraße in Favoriten der erste neue Gemeindebau seit 2004 errichtet. Er wird Ende des heurigen Jahres fertiggestellt.