In den 1990ern durfte es gerne auch einmal kitschig und überzeichnet sein, wie in diesem Werk von Willy Puchner aus der Serie "Die Sehnsucht der Pinguine". © Willy Puchner / Pinguin-Design © anaplus / Bildrecht, Wien, 2018

Die 1990er-Jahre im MUSA

Es war ein turbulentes Jahrzehnt und Wien war dabei im Mittelpunkt: die 1990er. Zwischen EU-Beitritt und Globalisierung entstanden einmalige Kunstwerke, die aktuell in der Sammlung des MUSA zu sehen sind. Dabei darf es auch gerne kitschig werden.

Das Wien Museum MUSA reist durch die Zeit. Nach und nach widmen sich die Ausstellungen jeweils einem bestimmten Jahrzehnt. Aktuell sind die 1990er dran und da gibt es viel zu sehen und zu bestaunen. Für Wien waren die 1990er eine ereignisreiche Dekade. Michael Häupl wurde Bürgermeister, Österreich trat der EU bei und die Öffnung gen Osten bot viele Chancen für die Stadt, die zu einem Zentrum des sich öffnenden Kontinents wurde.

Boom und Kritik

Gleichzeitig gab es viele Themen, die unsere Öffentlichkeit bewegten. Politik, Vergangenheitsbewältigung, die Umwelt, Xenophobie und Genderfragen sorgten neben den erfolgreichen Entwicklungen auch für Kontroverse. Für die Kunst war es ein gutes Jahrzehnt und der Markt boomte. "Künstlerinnen und Künstler reisten viel, hatte Stipendien, nutzten Auslandsateliers und knüpften massenhaft internationale Kontakte. Viele kritisierten aber auch den wachsenden Markt und die Globalisierung", sagt Kuratorin Brigitte Borchhardt-Birbaumer.

Bunt, kitschig, humorvoll

Die Ausstellung im MUSA findet in drei Akten statt. Aktuell, noch bis Ende September, läuft der zweite unter dem Titel "Subversive Imaginationen". Dabei widmet man sich einem besonders prägenden Merkmal der 1990er: dem Kitsch. "In den 1990er-Jahren gab es nicht nur einen postkonzeptuellen Schwerpunkt künstlerischer Forschung, sondern auch den Einsatz sehr humorvoller, farblich und formal sinnlich-üppiger Tendenzen in allen Medien, von der Malerei bis in die Videokunst", sagt Borchhardt-Birbaumer. Kitsch und Peinlichkeit waren unter den letzten Tabus, die damals freudig gebrochen wurden. Das zeigte sich unter anderem im Trend zum "bad painting", also "schlechtes Gemälde", der aus den USA stammte.

Viel los in Wien

In der Ausstellung kann man einen retrospektiven Blick auf die brummende Wiener Kunstszene werfen. "Zu den Verkaufsgalerien und der Etablierung der Künstlerinnen und Künstler auf dem internationalen Kunstmarkt gab es auch einige Gründungen von Produktionsgalerien, in denen sich die Künstlerinnen und Künstler selbst vermarkteten, auch trafen, musizierten und diskutierten wie in der Galerie Trabant und in ersten Offspaces", erinnert sich die Kuratorin. Die Ausstellung erinnert auch daran, dass viele Werke, die heute anerkannt sind, damals noch nicht wirklich den Durchbruch geschafft haben. "Viele aus der Kunstszene konnten Werke der Künstlerinnen Renate Bertlmann, Margot Pilz, Karin Mack oder Kiki Kogelnik immer noch nicht richtig einschätzen."

Ein Orangenbaum als Symbol für die Zeit

So war es auch bei Borchhardt-Birbaumers Lieblingsstück der Ausstellung: "Orangenbaum" von Renate Bertlmann. "Ich habe damals mehreren Galeristinnen und Galeristen das Werk nahegelegt, aber niemand hat es verstanden." Kaum zu glauben, schließlich wird Bertlmann 2019 bei der Biennale den österreichischen Pavillon mit ihren Werken bespielen. "Orangenbaum" ist eine große Plastikskulptur, von der orange Styroporbälle hängen. Das kitschige und künstliche Werk ist durchaus ein Sinnbild für die damalige Zeit und gleichzeitig eine Karikatur derselben. "Bertlmanns subversiver Umgang mit Sexualität und Kitsch, auch mit Materialien wie Flitter oder Tüll, ist einzigartig und sorgt bis heute für Diskussionen." Borchhardt-Birbaumer hebt weiters die abstrakten Bilder von Edith Spira oder Werke von Martha Jungwirth und Peter Pongratz aus der Ausstellung hervor.

Finale im Oktober

Ihren Abschluss findet die Ausstellung dann im Oktober mit dem letzten Teil: "Mobile Kunst im mobilen Markt". "Dabei wird es um die schon erwähnten Themen des allgemeinen Reisebooms von Künstlerinnen und Künstler gehen und auch um die schnellen Veränderungen des Kunstmarkts im Turbokapitalismus, wobei wir eben die Wiener Szene speziell beleuchten", sagt die Kuratorin. "Weiters werden aber auch die Weiterentwicklungen der neuen Geometrie in Malerei, Skulptur und Modell eine Rolle spielen."