Die frisch restaurierte Dampflokomotive 12.10 im Technischen Museum Wien: die größte, schwerste, stärkste und schnellste, die jemals in Österreich gebaut wurde. © Technisches Museum Wien

 

Eine Dampflok der Superlative

Zurück im Technischen Museum Wien: die größte, schwerste, stärkste und schnellste Dampflokomotive, die jemals in Österreich gebaut wurde. Die 12.10 wurde aufwendig restauriert und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. CLUB WIEN stellt sie vor.

Fährt man heute von Wien nach Salzburg oder retour, schafft man das mit dem Zug im Schnitt in zwei Stunden und 15 Minuten. Während der Monarchie und weit darüber hinaus brauchte man für diese damals noch kurvige und hügelige Strecke mindestens drei Stunden länger. Ein Segen, als in den 1930er-Jahren neue, starke Lokomotiven eingeführt wurden. Sie konnten mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometern pro Stunde die Fahrzeiten um eine Stunde verkürzen. Auf die Spitze trieben es die Modelle der ab 1931 in der Lokomotivfabrik Floridsdorf hergestellten Baureihe 12. Mit ihren 2.700 PS brachten sie es auf eine Maximalgeschwindigkeit von 154 Kilometern pro Stunde: österreichischer Rekord zur damaligen Zeit. Damit waren sie nicht nur die schnellsten und stärksten jemals hierzulande hergestellten Dampflokomotiven. Sie waren und sind bis heute die größten und schwersten: Lok und Tender sind insgesamt 22,6 Meter lang und 138 Tonnen schwer.

Elektrifizierung oder Dampfbetrieb

Dass eine derart beeindruckende Dampflok überhaupt im Schienennetz unterwegs sein konnte, war keine ausgemachte Sache. Nach dem Ersten Weltkrieg war die einstige Doppelmonarchie in mehrere unabhängige Staaten zerfallen. Die einstmals günstige Kohle aus Tschechien befand sich nun im Ausland und musste importiert werden. "Aus diesem Grund beschloss die Regierung, eine natürliche Energieressource des Landes, die Wasserkraft, stärker nutzbar zu machen und die Bahn für den elektrischen Betrieb umzubauen", erklärt Thomas Winkler, Kustos für spurgebundenen Verkehr im Technischen Museum Wien, das die beeindruckende Rekorddampflok nun in aufwendig restaurierter Form zeigt. "Noch 1919 wurde das ehrgeizige Projekt gestartet und bis Mitte der 1920er-Jahre war die Hauptstrecke von Bregenz bis Salzburg elektrifiziert."

 

Die Elektrifizierung der Eisenbahn war allerdings nicht unumstritten: Die BBÖ, die Vorgängerin der ÖBB, beharrten darauf, dass ein Beibehalten von Dampfbetrieb günstiger sei als die Umstellung auf und der Betrieb mit Strom. Es gab auch Befürchtungen, die Elektrifizierung könnte viele Arbeitsplätze kosten. Dazu legten sie sogar Berechnungen und Gutachten vor. Mit Erfolg: Für die Strecke von Wien nach Salzburg wurde eine neue starke und schnelle Dampflokomotive in Auftrag gegeben. Den Zuschlag bekam schließlich die Lokomotivfabrik Floridsdorf, 1931 wurden die ersten sechs hochmodernen Modelle der Baureihe 12 ausgeliefert. Die Lok, die sich nun im Technischen Museum frisch renoviert befindet, wurde 1936 als zehntes Modell hergestellt und in Verkehr gebracht. Daher der Name 12.10.

Die letzte ihrer Art

Aufzuhalten war die Elektrifizierung der Westbahnstrecke nachweislich nicht. Ab 1952 verloren die 13 Lokomotiven ihr Einsatzgebiet, für das sie gebaut worden waren. "Ihre Umstationierung zur Südbahn machte aber auf den engen Bögen der Semmeringbahn große Probleme. Der letzte Schnellzug mit einer '12er' fuhr daher schon 1956", so Winkler. Verschrottet wurden sie erst 1962. Mit Ausnahme eben der Nummer 10, die in die Sammlung des Österreichischen Eisenbahnmuseums aufgenommen wurde. Sie war auch die letzte eingesetzte Lok der Baureihe. Von 1974 bis 1999 verbrachte sie zusammen mit sieben weiteren Lokomotiven ein Vierteljahrhundert auf dem Freigelände neben dem Technischen Museum Wien. Danach nannte sie fast 20 Jahre das private Eisenbahnmuseum Strasshof ihr Zuhause. Dabei wurden der 12.10 im Laufe der Zeit immer wieder neue Anstriche verpasst, vollkommen restauriert wurde sie allerdings nie. Schließlich konnte sie aufgrund ihrer enormen Größe die meiste Zeit nur im Freien ausgestellt werden, was freilich seine Spuren hinterließ. Um diese Legende der österreichischen Eisenbahngeschichte aber auch für spätere Generationen erhalten zu können, begannen im Frühjahr 2019 aufwendige Restaurierungsarbeiten.

Dafür mussten über Monate Kleinteile demontiert, dokumentiert und verladen werden. Erst danach konnten sie getrennt voneinander bearbeitet werden. Im Ganzen wäre die 12.10 zudem zu hoch gewesen, um sie ins Technische Museum transportieren zu können. Schließlich ist sie 4,65 Meter hoch, die Einfahrt an der Rückseite des Hauses aber lediglich 4,70. Das Gewicht von 114 Tonnen ohne Tender sorgte ebenfalls für Kopfzerbrechen, ist der Bereich unter den Werkstätten doch unterkellert. Des Rätsels Lösung: Die Achsen wurden ausgebaut, wodurch sich das Gewicht um 35 Tonnen und die Höhe um fast 30 Zentimeter reduzierte.

Spektakulärer Transport

Für die neue Lackierung der alten Lokomotive wurden zunächst alle Teile zu einer Spezialfirma nach Ternitz transportiert. "Die Firma für Korrosionsschutz besitzt große Hallen und konnte den Tender als Ganzes in einer Sandstrahlbox vom alten Lack befreien", erzählt Winkler. "Die Lokomotive passte aber nicht durch die Tore. Sie musste vor der Halle auf Betonklötzen aufgebockt und vollständig mit Gerüsten und Planen eingehaust werden. Dort wurde sie dann komplett gestrahlt und lackiert."

Jetzt konnte die Lokomotive ins Museum gebracht werden. Eine Herausforderung und auch spektakulär. Denn Sondertransporte dürfen in Wien nur zwischen Mitternacht und fünf Uhr früh über die Bühne gehen. Was dazu führte, dass der 80 Tonnen schwere Koloss gegen halb vier in der Nacht für einige Minuten über den Bäumen der Linzer Straße schwebte. "Millimetergenau konnte die Lok in die Einfahrt eingefädelt und auf niedrige Schwerlastrollen gelegt werden. Der Boden war zur Lastverteilung mit dicken Stahlplatten ausgelegt worden, um die Kellerdecke nicht zu überlasten. Durch die ausgebauten Achsen waren noch gute 20 Zentimeter Höhe Platz in der Einfahrt und die Lok rollte problemlos in die Halle." In den nächsten Wochen und Monaten wurde die Dampflokomotive zusammengebaut, alle Teile wurden in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. "Wie bei vielen Restaurierprojekten benötigen die Details die meiste Zeit", so Winkler. Bis zur Eröffnung Mitte September waren aber alle Arbeiten abgeschlossen.

Interaktive Videoinstallation

Die 12.10 erstrahlt jetzt in neuem Glanz und ist nicht nur ihrer Größe wegen ein Hingucker. Begleitet wird das restaurierte Original von einer interaktiven Videoinstallation. Die Projektion der Dampflok im Maßstab eins zu eins erlaubt auf 90 Quadratmetern einen Blick ins Innere der Lok und erläutert Aufbau sowie Funktion einzelner Bereiche. So kann beobachtet werden, wie Feuer Wasser zum Kochen bringt, sich ein Dampfventil öffnet, heiße Gase in Zylinder strömen und sich die gigantische Lok in Bewegung setzt.

Ein Brückenschlag in die Gegenwart und zu Themen wie etwa Nachhaltigkeit wird ebenso gemacht. So wird gezeigt, dass etwa der CO2-Ausstoß pro Sitz für die Strecke Wien-Salzburg mit dem Flugzeug 30 Kilogramm, mit der 12.10 jedoch nur 24 Kilogramm beträgt. Bei einem modernen Railjet wären es freilich überhaupt null Kilogramm. Und noch etwas, das schließlich die Vorzüge des elektrischen Bahnverkehrs unterstreicht: Die 12.10 verbrauchte während ihrer 20-jährigen Betriebszeit etwa 24.000 Tonnen Kohle. Damit könnte man ein ganzes Fußballfeld vier Meter hoch bedecken. Ein technisches Meisterwerk und schön anzuschauen ist die alte Dampflok natürlich allemal.