Im Sprühnebel aus den Coolen Stelen lässt es sich in den Coolen Straßen besonders gut erfrischen. © Bohmann/Andrew Rinkhy

 

Wohnzimmer im Freien

Wenn die Hitze in der Wohnung unerträglich wird, hilft der Besuch einer der Coolen Straßen. Sie sind der beste Beweis dafür, dass Abkühlung an heißen Tagen auch mitten in der Stadt möglich ist. CLUB WIEN hat sich jene am Karmeliterplatz genauer angesehen.

Gelangt man von der Taborstraße Richtung Augarten zum Karmeliterplatz, fallen mehrere Dinge auf. Etwa, dass es auch bei extrem hohen Temperaturen sofort merkbar kühler wird, sobald man den Platz im zweiten Wiener Gemeindebezirk betritt. Oder dass sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene an den Coolen Stelen vor der dortigen Kirche am Platz abkühlen. So werden die Säulen genannt, die einen feinen Sprühnebel erzeugen, sobald die Lufttemperatur um sie herum 20 Grad überschreitet. Tatsächlich eine erfrischende Angelegenheit. Die feinen Tröpfchen spüren die Besucherinnen und Besucher im Herzen des angesagten Grätzls der Leopoldstadt auch noch in der Mitte des Platzes - bei entsprechenden Windverhältnissen. Ein Container, vor dem Liegestühle, ein Kaffeehaustisch mit dazugehörigen Sesseln und Bambusbäumchen stehen, schafft Klarheit: Wir befinden uns in einer der 18 sogenannten Coolen Straßen, die es seit heuer in ausgewählten Grätzln gibt.

Mehr als ein autofreier Raum mit Schatten

Laut Definition ist eine Coole Straße ein autofreier öffentlicher Raum, der von Bäumen oder Ähnlichem mit Schatten versorgt wird. Dazu kommt mindestens ein Wasserelement, auf jeden Fall die eingangs erwähnte Coole Stele. Oft gehört auch ein Trinkbrunnen dazu. Es gibt Bankgruppen und andere Sitzelemente wie etwa Liegestühle, auf denen man ganz entspannt lesen oder einfach die Gedanken schweifen lassen kann. Auf dem Boden stechen bunte Quadrate ins Auge, die an Kreidezeichnungen für Tempelhüpfen erinnern. Sie sollen das freie Spielen anregen und Kinder, aber auch Erwachsene auffordern, sich damit auseinanderzusetzen. Und ganz wichtig: Es gibt persönliche Betreuung.

 

"Es reicht nicht, einen Straßenraum autofrei zu machen und ein paar Bänke hinzustellen", erklärt Petra Jens von der Mobilitätsagentur, Beauftragte für Fußgängerinnen und Fußgänger der Stadt Wien. "Man muss die Menschen aktiv einladen, den öffentlichen Raum für sich zu nutzen. Es braucht ein attraktives Ambiente, damit sich die Menschen wohlfühlen. Dazu zählen nicht nur ein paar farbliche Akzente und Sitzmöbel, es braucht auch Gastgeberinnen und Gastgeber, jemanden, der einen freundlich einlädt und als Gesprächspartnerin oder Gesprächspartner zur Verfügung steht." Dabei geht es nicht zuletzt darum, die Nachbarschaft untereinander zu vernetzen. Am Karmeliterplatz finden etwa von den Anrainerinnen und Anrainern organisierte kleine Pop-up-Konzerte statt. "Durch diesen zusätzlichen Raum und die Anregung, ihn zu nutzen, lernen sich die Nachbarinnen und Nachbarn kennen. Das ist etwas, das eine Stadt stark macht", so Petra Jens.

Fünf Grad weniger

Neben der sozialen Komponente der Coolen Straßen steht der klimatische Gesichtspunkt im Vordergrund. Im außerordentlich heißen Sommer 2019 wurde ein Test mit drei vorübergehenden Coolen Straßen gestartet. Schließlich ist die Hitze gekommen, um zu bleiben. Die Stadt Wien sammelte Ideen, um dem Herr zu werden, und landete bei autofreien, umgestalteten Straßen. Diese waren ein voller Erfolg. Nicht allein, dass sich 92 Prozent der befragten Anrainerinnen und Anrainer für eine Wiederholung der Aktion aussprachen. Messungen ergaben darüber hinaus, dass in den Coolen Straßen Temperaturen erreicht werden konnten, die um bis zu fünf Grad niedriger waren.

Um in Erfahrung zu bringen, wo man Coole Straßen errichten könnte, wurde die Wiener Hitzekarte erstellt. "Das ist ein Stadtplan, der zeigt, wo die Hitzespots in Wien sind. Diese werden mit soziodemografischen Daten verschnitten, also mit Angaben zur Zugehörigkeit zu bestimmten Gesellschaftsgruppen. Dadurch wissen wir jetzt, wo die Orte in Wien sind, an denen es nicht nur besonders heiß wird, sondern wo auch besonders viele Kinder und ältere Menschen leben." Denn diese sind von Hitze besonders betroffen.

Dauerhafte Coole Straßen

Zu den 18 Straßen, die nun temporäre, also vorübergehende Coole Straßen sind, kommen vier, die dauerhaft umgestaltet werden. In den sogenannten "Coolen Straßen Plus" wird es Baumpflanzungen, helleren Asphalt und Schatten- oder Wasserelemente geben. Hier gilt kein Fahr-, Halte- und Parkverbot, dafür sind sie eben das ganze Jahr über als Coole Straßen gekennzeichnet.

Fix ist für alle Coolen Straßen: Sie sollen ein Wohnzimmer im Freien sein. Dabei unterscheiden sie sich zum Teil recht deutlich voneinander. "Das schöne an diesem Projekt ist, dass jede Coole Straße eine eigene Persönlichkeit hat", sagt Petra Jens. "Manche werden stark von Kindern frequentiert, die sonst nicht viele Möglichkeiten im Sommer haben, die auf kleine Geschwister aufpassen müssen oder nicht mit den Eltern wegfahren. Die freuen sich über diesen Raum und das Wasser. Andere Coole Straßen werden vorwiegend von Seniorinnen und Senioren in Anspruch genommen. Wieder andere nutzen junge Menschen, um im Freien zu frühstücken. Manche sind, wie jene am Karmeliterplatz, auf einem vormals schon autofreien Platz, andere sind mitten auf einer Fahrbahn."

Gesellschaftliches Leben im öffentlichen Raum

Die Coolen Straßen sind auf jeden Fall einen Besuch wert, auch für all jene, die nicht eine in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft haben. Einer Übersicht über alle abgekühlten Straßenbereiche finden Sie hier. Heuer werden die temporären noch bis 20. September installiert sein und so, wie sich das Klima entwickelt, kommen in den nächsten Jahren bestimmt weitere dauerhafte dazu. "Die Hitzesommer gehen ja nicht weg. Sie werden heißer und die heiße Zeit wird sich auch ausdehnen", so Petra Jens. "Im Unterschied zu vor allem südlichen Städten gibt es in Wien wenig Tradition, den öffentlichen Raum auch wirklich spontan und für soziale Aktivitäten zu nutzen. Das müssen wir hier lernen. Auch dazu trägt die Coole Straße bei."