Alexander Koch arbeitet seit einer Woche im Café werd:art und ist von seiner neuen Tätigkeit sehr begeistert, denn das Kellnern liegt ihm im Blut. "Mein Papa hatte eine Pizzeria und er hat mir alles beigebracht", erzählt er. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Wo Kunstprojekte auf Wiener Kipferln treffen

Im neuen Galeriecafé werd:art werden Kunst und Kaffee miteinander verbunden. Das Besondere: Sowohl im Café als auch in der Werkstätte arbeiten Menschen mit Behinderungen. Ziel ist, die direkte Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung zu fördern.

Am 19. Juni war es so weit und das Galeriecafé werd:art öffnete seine Türen. Das neue Café befindet sich im Gebäude der Jugend am Werk-Tagesstruktur und Werkstätte Im Werd. Im Zuge der Umbauarbeiten wurde das Erdgeschoß komplett renoviert und das Galeriecafé mit dem direkt angeschlossenen Gruppenraum der Kunsthandwerkgruppe verbunden. Aus dem einst versteckten Zugang zur Werkstätte ist ein offener und freundlicher Eingang zu einem Ort der Begegnung entstanden. Denn oft ist es einfach nur ein Kipferl oder ein Kaffee, der Menschen zusammenbringt. CLUB WIEN besuchte das neue Café und schaute sich in der Kunstwerkstätte um.

Das neue Galeriecafé ist auch von der Straße gut erkennbar und lädt Menschen mit und ohne Behinderungen zum gemeinsamen Verweilen ein. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Im Werd wird’s kreativ

Nur zuhause sitzen, nein danke! Eine Arbeit oder Beschäftigung ist wichtig, um selbstbestimmt und selbstständig durchs Leben schreiten zu können. Die Jugend am Werk Begleitung von Menschen mit Behinderung GmbH unterstützt, fördert und begleitet Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen. Ziel ist die Teilhabe an der Gesellschaft, also etwa eine Arbeit oder Beschäftigung zu finden, die Spaß bringt und auch gerne öfters gemacht wird. Deshalb gibt es bei Jugend am Werk verschiedene Angebote wie Ausbildungen, berufliche Integration oder Werkstätten und Tagesstrukturen. Die Tagesstruktur und Werkstätte Im Werd liegt inmitten des bunten Karmeliterviertels. So bunt und vielfältig wie die Umgebung ist auch die Werkstätte. Denn hier werden vor allem Keramik, Bilder und Filzprodukte hergestellt. Mit der Eröffnung des Galeriecafés kommt zu Kunst und Kultur auch die Kulinarik ins Gebäude Im Werd. So ist die Werkstätte nicht nur ein Ort des kreativen Schaffens, sondern auch der Begegnung und des Austausches. Die handgefertigten Gefäße, Schalen, Skulpturen und Bilder können in der angeschlossenen Galerie des Cafés ausgestellt werden.

Mitarbeiten kann jede und jeder, die beziehungsweise der Spaß an der Gastronomie hat. Natürlich nicht ohne Einschulung, denn auch das Herstellen eines richtig flaumigen Milchschaums muss erst einmal erlernt werden.

In der Galerie können die Kunstwerke von den Kundinnen und Kunden präsentiert werden. Die Räumlichkeiten können aber auch für Vernissagen, Veranstaltungen oder Lesungen gemietet werden. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Ein Konzept, das verbindet

Die Idee für das Café entstand, als die Vormieter aus dem Gebäude Im Werd auszogen und somit 180 Quadratmeter frei zur Verfügung standen. "Wir haben die Räumlichkeiten dazu gemietet und plötzlich haben wir viel Platz für neue Ideen gehabt", erzählt Elisabeth Kuntner, Leiterin der Werkstätte und Tagesstruktur Im Werd. Es entstand die Idee für ein Galeriecafé, das sowohl als Treffpunkt als auch als Ort des kreativen Austausches dienen soll. "Unser Gebäude befindet sich inmitten des Karmeliterviertels. Dieses ist sehr belebt, es gibt ein großes kulturelles Angebot und es eignet sich deshalb wirklich gut für ein Café", so die Leiterin.

2015 wurde das Projekt erstmals beim Fonds Soziales Wien eingereicht, kurz darauf starteten bereits die Planungen und ein Jahr später die Umbauarbeiten. Die gute Lage und die ansprechende architektonische Gestaltung bieten die optimalen Voraussetzungen, um die Tagesstruktur und die Werkstatt offen und freundlich zu gestalten und so auch Menschen ohne Behinderung den Sozialraum näherzubringen.

Mit einer originalen Espressomaschine aus dem Jahr 1962 schmeckt der Kaffee im Galeriecafé noch besser. Vorbeikommen lohnt sich. © Bohmann/Andrew Rinkhy

"Einen Espresso, bitte"

Das Café ist von Montag bis Freitag von acht bis 15 Uhr geöffnet. Kaffee und selbstgemachte Wiener Kipferln stehen auf der Tageskarte. Pro Schicht arbeiten drei Kundinnen und Kunden sowie eine Betreuerin oder ein Betreuer von Jugend am Werk im Café. Jede und jeder hat ihren bzw. seinen fixen Aufgabenbereich. "Wir haben das zurzeit so geregelt, dass jeder seinen Bereich hat. So macht eine Person den Kaffee, eine andere nimmt die Bestellungen auf und die dritte wischt die Tische ab, räumt weg, spült ab", so die Leiterin.

Und das Café kommt gut an, sowohl bei den Besucherinnen und Besuchern als auch bei den Kundinnen und Kunden. "Ich habe das Servieren im Café von meinem Papa gelernt. Ich würde hier gerne jede Woche arbeiten, aber das geht leider nicht. Man muss ja auch die anderen einmal arbeiten lassen", erzählt Alexander Koch, ein Kunde von Jugend am Werk. Gemeinsam mit Elisabeth Mraz arbeitet er im neuen Café. "Es ist schön, hier mitzuarbeiten, in so einem netten Café. Ich darf leider selbst nicht so viel Kaffee trinken, nur einen Kaffee am Tag, hat mein Doktor gesagt", erzählt er. Was ihn aber nicht davon abhält, den Gästen jede Menge Kaffee mit Freude zuzubereiten.

Elisabeth Dolischka ist in der Kunsthandwerkgruppe und arbeitet gerade an einem Polsterüberzug. Sie ist aber auch eine begeisterte Schriftstellerin und nimmt mit ihren Werken am Literatur-Wettbewerb für Menschen mit Lernschwierigkeiten teil. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Im Zuge der Renovierung wurden viele Umbauarbeiten von Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderung von Jugend am Werk selbst erbracht. Dazu gehören sämtliche Malerarbeiten, Tischlerarbeiten wie das Anfertigen von Sitzbänken, Regalen und einer fahrbaren Garderobe, aber auch Zimmerarbeiten und Schlosserarbeiten. "Die gesamte Malerei ist von unseren Kundinnen und Kunden übernommen worden und das war nicht einfach nur Ausmalen. Wir haben einen Restaurator vom Bundesdenkmalamt zu Besuch gehabt, der uns genau sagte, wie wir auszumalen hatten. Es hat wirklich lange gedauert, aber das Ergebnis ist sehr toll geworden und es ist sehr schön gewesen, zu sehen, wie alle mitgearbeitet haben", so Elisabeth Kuntner.

Der Umbau des Gebäudes im ehemaligen jüdischen Viertel wurde von einem Bauhistoriker sowie einem Restaurator begleitet. Der knapp 200 Jahre alte Gewölbeputz blieb im Originalzustand, der Rest wurde generalsaniert. "Um ein barrierefreies Café zu eröffnen, ist sehr viel umgebaut worden. Wir haben die Raumaufteilung umstrukturiert, Schiebetüren und neue Fenster eingebaut sowie das ursprüngliche Niveau für die Barrierefreiheit wiederhergestellt", so Frau Kuntner. Doch die Arbeit zahlte sich aus. Das Café erstrahlt in einladenden warmen Farben, dekoriert von Bildern und Werkstücken der Kundinnen und Kunden. Der Eingang ist offen und auch von außen gut sichtbar. An das barrierefreie Galeriecafé mit dem integrierten Galeriebetrieb wurde außerdem ein Werkstattraum für die Kunsthandwerkgruppe angeschlossen. Diese übersiedelte von ihrer kleinen Werkstätte im zweiten Stock in die neue Räumlichkeit. "Es ist hier viel größer, wir haben mehr Platz für unsere Kunstwerke und es ist sehr schön", erzählt Elisabeth Dolischka, eine Kundin von Jugend am Werk, die gerade an ihrem nächsten Polsterüberzug aus Wollfäden arbeitet. In der Gruppe werden Bilder gemalt, es wird mit Wolle und Filz gearbeitet und Tonarbeiten werden angefertigt. Die Kunstwerke werden im Galeriecafé ausgestellt.

Elisabeth Kuntner, Leiterin der Werkstätte und Tagesstruktur Im Werd und Wolfgang Bamberg, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit bei JAW wollen das Galeriecafé als neuen Treffpunkt im Grätzl etablieren – als einen Ort der Zusammenkunft. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Ein neuer Treffpunkt im Grätzl

Die Werkstätte Im Werd gibt es bereits seit dreißig Jahren. "Bis dato ist der Weg zu den Werkstätten wie eine Barriere gewesem. Es hat eine kleine alte Türe gegeben, durch die man gehen musste, um in die Werkstätte zu gelangen. Dadurch hat es nicht sehr einladend gewirkt. Mit dem Umbau wollten wir das Haus als Begegnungszone belebbar machen. Damit sich auch externe Menschen zu uns trauen. Ich finde, das haben wir gut hinbekommen. Jetzt ist es hier sehr freundlich und offen. Man kann auf einen Kaffee vorbeikommen, sich mit Freunden treffen oder die Galerie besuchen", erklärt Wolfgang Bamberg, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. Das Café bietet zudem die Möglichkeit, kulturelle Events, Workshops und Ausstellungen zu veranstalten. Ziel ist, die Tagesstruktur Im Werd als Schwerpunktstandort für Kunst und Kultur zu etablieren.

Dass das Konzept bereits aufgeht, konnte auch Frau Kuntner des Öfteren beobachten. "Es ist sehr interessant zu sehen, wie sich unsere Kundinnen und Kunden benehmen, wenn externe Personen auf einen Kaffee vorbeikommen. Die meisten Tische sind frei, aber unsere Kundinnen und Kunden setzen sich dann genau an den Tisch, wo auch die Leute sitzen. Oft sitzen sie einfach nur daneben und hören zu oder sie versuchen, Kontakt aufzunehmen. Man merkt, dass sie sich hier sicher fühlen und es ihnen leichter fällt, mit anderen Menschen zu reden. Das finde ich sehr schön." Das neue Galeriecafé - ein Ort, der verbindet.

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