Helga Stigleitner spielt seit der Kindheit Bridge und gibt ihr Wissen gerne an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des VHS-Kurses weiter. © Bohmann

 

Die Königin unter den Kartenspielen

Bridge verhält sich zu den meisten anderen Kartenspielen wie Schach zu Mensch ärgere dich nicht. Es ist schwer zu erlernen, aber wenn einen das Fieber gepackt hat, spielt man ein Leben lang. CLUB WIEN war bei einem Kurs der Wiener Volkshochschulen.

Auf der Tafel sind diverse Kartenkonstellationen aufgezeichnet, die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer rechnen durch, wie viele Stiche welches Blatt garantiert. "Wenn ich eine schöne Farbe habe, kann ich die Situation immer eröffnen", sagt Kursleiterin Helga Stigleitner. "Ein gutes Blatt erkennt man etwa an den Kontrollen, so nennen wir Ass und König. Weiß jemand, wie viele Punkte das Ass wert ist?" "Zwei", kommt die Antwort aus dem prall gefüllten Kursraum der VHS Alsergrund in der Galileigasse.

Bridge ist definitiv nicht leicht

Schon nach wenigen Minuten ist klar: Bridge ist kein normales Kartenspiel. Die Regeln sind hochkomplex, es gibt massenhaft Skripten und die Vielfalt ist nahezu unendlich. "Auch nach zigtausend Händen werden sie nie zwei Mal das gleiche Blatt haben", sagt Stigleitner. Sie selbst wurde schon als Kind zum Fan. "Bei uns wurde eigentlich immer gespielt, der Fernseher war eher Dekoration. Darum sage ich heute noch gerne: Eine Partie Karten ist allemal besser als das dauernde Fernschauen."

Stigleitner spielt seit 40 Jahren und kann bestätigen, dass es gegen den Bridge-Virus keine Heilung gibt. "Ja, es ist schwer. Und ja, man braucht recht lange, bis man es gut spielen kann, aber dann ist es unmöglich aufzuhören", sagt die Bridge-Expertin die ihr Wissen an den Wiener Volkshochschulen weitergibt.

 

Kommunikation ist Trumpf

Beim Bridge geht es darum, Stiche zu machen. Jedes Spiel gliedert sich in zwei Phasen: die Lizitation und das Ausspielen. Bei der Lizitation geht es darum, sich mit dem Partner auszutauschen. Dazu gibt es sogenannte Bidding-Boxen. Mit den darin enthaltenen Karten kann man dem Partner signalisieren, was man in der Hand hat. Der Partner wiederum legt seine Karten dazu und macht so eine Verpflichtung, eine bestimmte Anzahl an Stichen zu machen. Das nennt man Kontrakt. Blindes Verständnis mit dem Partner ist also sehr wichtig. Die Gegnerinnen und Gegner schlafen natürlich nicht und wollen einem so gut es geht in die Quere kommen. Während der Partie ist das Sprechen verboten.

"Die Kommunikation mit dem Partner ist das A und O. Man hat immer ein Gegenüber und das ist auch immer schuld", schmunzelt Stigleitner. "Spaß beiseite: Gute Spielerinnen und Spieler würden niemals sagen, die Partnerin oder der Partner hat Schuld." Beim Bridge ist Gelassenheit eine Tugend. Unerlässlich ist ein gutes Gedächtnis. "Bridgespielerinnen und -spieler merken sich alle 52 Karten. Das passiert ganz automatisch."

Die zweite Phase ist das Abspielen der Karten. Wer den Kontrakt angesagt hat, beginnt. Gespielt wird mit einem französischen 52-Karten-Blatt, alle haben 13 Karten in der Hand. Die Alleinspielerin oder der Alleinspieler versucht, die verkündete Stichzahl zu erreichen. Die Partnerin oder der Partner legt nach dem Ausspiel ihre beziehungsweise seine Karten offen hin. Diese werden von der Alleinspielerin oder dem Alleinspieler kommandiert, das Gegenüber kann in die Partie nicht mehr eingreifen und nur noch Folge leisten. Ziel ist es, so viele Stiche wie möglich zu machen.

Bridge steht für Geselligkeit

"Bridge ist ein soziales Spiel", sagt Stigleitner. Die Runden treffen einander regelmäßig, gerne im Kaffeehaus, und spielen so oft es geht. Oft wird Bridge mit Schach verglichen. Und in der Tat teilen beide das Element der Vorausplanung und die starke taktische Komponente. "Schachspielerinnen und -spieler tun sich beim Erlernen auch leichter. Was die beiden Spiele aber definitiv unterscheidet, ist die Geselligkeit beim Bridge."

In Wien gibt es rund 400 registrierte Spielerinnen und Spieler, es spielen aber viel mehr. Bridge ist das weltweit meistgespielte Kartenspiel der Welt. Das Vorurteil, Bridge sei eher für ältere Semester geeignet, entbehrt jeder Grundlage. Quer durch Europa gibt es Schul- und Jugendturniere und eine lebhafte Szene. In Ländern wie Frankreich, Italien, Polen oder Israel ist es ganz normal, dass Bridge an der Schule unterrichtet wird. In vielen Ländern ist Bridge als Sport anerkannt. Und in der Tat gibt es kaum ein besseres Workout für das Oberstübchen.

Anfängerinnen und Anfänger haben viel zu lernen und straucheln über alle möglichen Dinge. Sich die Karten zu merken, ist Hürde Nummer eins. Die eigene Hand einzuschätzen, lernt man nur mit Erfahrung. Auch das Zählen der Punkte ist eine Herausforderung. "Kürzlich stand im Bridge-Magazin ‚Es ist sehr leicht, bis 100 zu zählen, aber sehr schwer bis 13‘", sagt Stigleitner. "Das trifft die Sache sehr gut."

Die Komplexität sollte niemanden abschrecken, lernen und spielen kann Bridge nämlich jede und jeder. Bei den Kursen an den Wiener Volkshochschulen lernt man nicht nur das Handwerk, man trifft auch Gleichgesinnte. Bridge ist ein Hobby, das einen ein Leben lang begleitet. "Das ist für mich das Schöne am Bridge. Ich zum Beispiel könnte mit meinem Sohn nicht mehr Tennis spielen. Bridge spielen wir nach wie vor und werden es auch noch viele Jahre genießen."