Ein echtes Urgestein: Franz Reinhardt ist seit 40 Jahren Schausteller im Böhmischen Prater. © Bohmann/Andrew Rinkhy

 

Hereinspaziert in den Böhmischen Prater

Es kommt nicht immer auf die Größe an. Diesem Leitsatz stimmen FreundInnen des Böhmischen Praters sicher zu. In Sachen Umfang kann der Vergnügungspark nicht mit dem Wurstelprater mithalten, dafür punktet er mit Charme und Familiensinn.

"Ohs" und "Ahs" ist Schausteller Franz Reinhardt gewohnt. Auch nach vierzig Jahren sind sie Musik in seinen Ohren. Ursprung der Laute ist das Riesenrad, das von dem Urgestein betrieben wird. Von außen wirkt es eher klein, vor allem, wenn man das Riesenrad im Prater im Kopf hat. Doch ganz oben wird man mit einem Blick über Wien überrascht, der seinesgleichen sucht. Nahezu die ganze Stadt offenbart sich den Fahrgästen, und das noch dazu aus einem Blickwinkel, den man garantiert noch nicht kennt. "Bei Schönwetter hat man die Chance, bis ins Burgenland und sogar bis in die Slowakei zu sehen", sagt Reinhardt.

 

Klein, aber oho

Der Böhmische Prater ist für viele der kleine Cousin des Wurstelpraters. Eine Einschätzung, die dem Vergnügungspark nicht gerecht wird. Denn hier gleich neben der denkmalgeschützten Löwygrube in Favoriten hat man keinesfalls die Absicht, so zu sein wie der Wurstelprater. "Der Böhmische Prater ist ein Familienpark. Unser Angebot richtet sich hauptsächlich an Familien", sagt Reinhardt, der neben dem Riesenrad auch ein Kaffeetassenkarussell, eine Kinderautobahn und einen Verkaufskiosk betreibt. Offen hat er, wie auch die anderen Schausteller, bis einschließlich 1. November. Die täglichen Öffnungszeiten richten sich nach dem Wetter.

Den Familiensinn hat man sich über die Jahrzehnte bewahrt. Mit den Stammgästen ist Reinhardt per Du, manche davon kennt er seit Jahrzenten. "Oft schaut bei mir schon die dritte Generation vorbei. Leute, die früher als junge Erwachsene hier waren, kommen jetzt mit den Enkelkindern." Jung und Alt fühlen sich hier gleichermaßen wohl. Erst letzte Woche durfte Reinhardt eine 101-jährige Wienerin mit dem Karussell fahren. "Das war ein Erlebnis, ich war begeistert."

Entspannte Familienatmosphäre

An einem heißen Sommertag füllt sich der Böhmische Prater schon kurz nach zehn Uhr. Die ersten Jugendlichen strömen zum Autodrom, um den morgendlichen Energieüberschuss loszuwerden. Das Trampolin ächzt schon seit einer Stunde unter den jauchzenden Kindern. Es gibt eine kleine Märchenbahn, einen Hau-den-Lukas, den Lollipop, die Riesenrutsche, den Aqua Bumper und vieles mehr. Auch die kleine, aber feine Spielhalle lockt den Nachwuchs der Besucherinnen und Besucher magisch an und Mamas und Papas werden regelmäßig um Münznachschub ersucht.

Wird eine Pause vom bunten Treiben benötigt, bringen einen wenige Schritte in die Parkanlage Löwygrube, auf den Laaer Berg, grüne Wiesen und kleine Wälder. Die Kombination aus entspanntem Erholungsgebiet und Vergnügungspark hat einen ganz einmaligen Charme. Für die Kinder gibt es Spielplätze, die Eltern entspannen sich in einem der gemütlichen Gasthäuser oder Schanigärten.

Urgesteine des Böhmischen Praters

Viele der Schausteller hier sind alteingesessene Familien. Schon in den 1880ern entdeckten die Ersten das Areal am Laaer Berg und machten es zum Hotspot. Nach der vollständigen Zerstörung während des Zweiten Weltkriegs startete Mitte der 1950er die Renaissance des Böhmischen Praters. Die Familie Geissler war hautnah mit dabei. Otto Geissler hat damals ein Autodrom gebaut und damit einen vollen Erfolg erzielt, wie sich Frau Henriette Geissler erinnert. "So hat das damals angefangen mit den Belustigungen im Böhmischen Prater. Nach und nach wurde er zum Eldorado für die Leute aus Favoriten und Simmering. Damals hatte ja niemand ein Zweitauto oder überhaupt einen Pkw. Dass sie also zu Fuß hierherkommen konnten, war für alle toll."

Nach und nach wuchs der Vergnügungspark. Geissler baute die Raupenbahn, die heute noch fährt. Auch die Märchenbahn und ein Minigolfplatz wurden gebaut. Später zogen dann auch andere Schaustellerfamilien hierher und der Böhmische Prater expandierte zu seiner heutigen Größe. Obwohl sich seit damals viel geändert hat, merkt man doch, dass hier noch ein ursprünglicher Jahrmarktcharme herrscht. Die Zeit ist ein Stück weit stehengeblieben. Größer, höher, weiter ist nicht die Philosophie der Menschen, die den Böhmischen am Leben erhalten. Man kennt und schätzt einander und das spürt man auch. Als ein Freund der Familie mit einer ganzen Gruppe von Schulkameraden vorbeischaut, lädt Frau Geissler kurzerhand alle zur Gratisfahrt auf der Raupenbahn ein. So macht man das halt im Böhmischen Prater.