Der Biosphärenpark Wienerwald befindet sich in den Bundesländern Niederösterreich und Wien und versteht sich als Lebensregion in der Mensch und Natur gleichermaßen ihren Platz finden und voneinander profitieren. Alexander Mrkvicka ist Biosphärenpark-Koordinator und für den in Wien liegenden Teil zuständig. © Bohmann/Bubu Dujmic

 

Ein Biosphärenpark vor den Toren Wiens

2005 wurde der Wienerwald mit dem UNESCO-Prädikat Biosphärenpark ausgezeichnet. Er ist damit einer von 701 Biosphärenparks in 124 Staaten. Am Rande einer Millionenstadt gelegen, ist der Wienerwald jedoch europaweit einzigartig. Was das für Wien bedeutet?

Wenn Natur und Großstadt aufeinandertreffen, dann entsteht ein einzigartiges und artenreiches Ökosystem. Europas einziger Biosphärenpark, der direkt an der Grenze einer Großstadt liegt, befindet sich im Westen Wiens und erstreckt sich auf einer Fläche von rund 105.000 Hektar über 51 niederösterreichische Gemeinden und sieben Wiener Gemeindebezirke. Neben Waldflächen und Wasserläufen sind durch die landwirtschaftliche Nutzung auch zahlreiche Wiesen, Weiden, Weingärten und Äcker vorhanden. Etwa 855.000 Menschen und über 20.000 verschiedene Lebewesen finden in dieser lebenswerten Region ihr Zuhause.

So versteht sich der Biosphärenpark Wienerwald als Lebensregion, in der Mensch und Natur gleichermaßen ihren Platz finden und voneinander profitieren. Ziel ist einerseits, gemeinsam die Natur zu schützen, wo Lebensräume und Arten diesen Schutz brauchen, und andererseits die Region in einen Bereich für verantwortungsvolles Wirtschaften und Handeln zu entwickeln. Was bedeutet das genau und welche Bedeutung hat der Biosphärenpark für Wien? CLUB WIEN hat sich mit dem Wiener Biosphärenpark-Koordinator Alexander Mrkvicka im Lainzer Tiergarten getroffen. Als Koordinator ist er für den Wiener Teil zuständig, und wann immer jemand etwas braucht oder etwas geplant oder koordiniert werden soll, ist er die richtige Ansprechperson. Im Interview erzählt Mrkvicka, welche Bedeutung der Biosphärenpark für das Leben in Wien hat und welch einzigartiges Ökosystem am Rande der Stadt existiert.

 

CLUB WIEN: Was ist ein Biosphärenpark?
Alexander Mrkvicka: Biosphärenparks sind von der UNESCO ausgezeichnete Gebiete mit besonderen Kultur- und Naturlandschaften. Weltweit gibt es bereits 701 Biosphärenparks, und auch in Österreich gibt es in zwischen vier: das Große Walsertal in Vorarlberg, der Salzburger Lungau und die Kärntner Nockberge in Salzburg und in Kärnten, das Untere Murtal in der Steiermark sowie der Wienerwald in Wien und Niederösterreich. 2005 ist er mit dem UNESCO-Prädikat Biosphärenpark ausgezeichnet worden. Das moderne Schutz- und Entwicklungskonzept des Biosphärenparks soll einerseits ein Gleichgewicht zwischen dem Schutz der Artenvielfalt und dem Ausbau der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen schaffen und andererseits zum Erhalt der lokalen kulturellen Werte beitragen.

Der Biosphärenpark Wienerwald ist eine UNESCO-Modellregion für Nachhaltigkeit. Was bedeutet das?
UNESCO-Modellregion für Nachhaltigkeit bedeutet, dass das von den Ländern Wien und Niederösterreich eingesetzte Biosphärenpark-Management mit Beispiel- und Vorbildprojekten den Menschen aus der Region zeigen soll, wie sie gemeinsam in einer Region die Zukunft nachhaltig gestalten können. Das beginnt bei der Waldbewirtschaftung, wo überlegt wird, was man mit dem Baumbestand macht: Macht es Sinn, eine große Menge an Bäumen als Biomasse herauszuholen und diese dann zu verheizen oder könnte man mit dem Holz etwas Besseres anfangen, wie etwa Häuser bauen? Auch Wiesenbewirtschaftung gehört dazu. Denn wenn man die Wiesen nicht regelmäßig mäht, dann wachsen Bäume, und die Wiesen und der Lebensraum für viele Pflanzen- und Tierarten ist bald verschwunden. Aber auch die Unterstützung von vielen verschiedenen Forschungsprojekten, wie etwa Citizen Science – Österreich forscht, gehört zu den Aufgaben des Managements. Hier erforschen Schulen gemeinsam mit Wissenschafterinnen und Wissenschaftern unterschiedliche Dinge.

Natürlich wird auch das eigene Umfeld thematisiert und aufgezeigt, was jede und jeder Einzelne beitragen kann. Angefangen bei einer umweltfreundlichen Gartengestaltung durch die Vermeidung von Pestiziden bis hin zum ökologischen Arbeitsweg und dem Verzicht aufs Auto. Das heißt, das Biosphärenpark-Management hat ein sehr breit gefächertes Feld mit vielen Möglichkeiten zur Nachhaltigkeit. Das Allerwichtigste bei dieser Arbeit ist aber, dass für die Bewohnerinnen und Bewohner alles auf freiwilliger Basis basiert. Es gibt nur in wenigen Bereichen Regelungen oder Vorschriften.

Was unterscheidet den Biosphärenpark von einem Naturschutzgebiet?
Im Gegensatz zum Nationalpark oder zum Naturschutzgebiet ist der Biosphärenpark ein Schutzgebiet, in dem auch der Mensch eine wichtige Rolle spielt. Denn die Landschaften im Wienerwald wie der Lainzer Tiergarten oder viele andere Orte sind vom Menschen erschaffen worden. Um diese einzigartigen Landschaften zu erhalten, muss der Mensch weiterhin vor Ort bleiben und im Einklang mit der Natur leben.

Wie bereits kurz erwähnt, gibt es im Gegensatz zum klassischen Naturschutzgebiet im Biosphärenpark keine strengen Vorschriften der Behörden, die das Gebiet schützen oder regulieren. Die Bewohnerinnen und Bewohner im Wienerwald handeln freiwillig. Das heißt, der Biosphärenpark untersteht einem Management, das für Niederösterreich und Wien zuständig ist. Das Management stellt aber keine Gesetze auf, sondern zeigt den Menschen der Regionen anhand von Projekten, wie sie vor Ort nachhaltig leben können. Geregelt werden nur die Kernzonen, die fünf Prozent der gesamten Waldfläche ausmachen. Hier wird nicht in die Natur eingegriffen, sodass sich diese frei entfalten kann. Auf den restlichen 95 Prozent der Fläche basiert die Arbeit auf eigenem Antrieb. Kerngedanke des Biosphärenparks ist, dass Menschen eher gewillt sind, freiwillig etwas beizutragen, wenn man ihnen zeigt, was, wie und wo sie etwas verändern können und welche Auswirkungen das haben kann. Ziel ist, die Regionen noch nachhaltiger als bisher zu machen.

Ein tolles Projekt, das wir haben, ist der "Tag der Artenvielfalt". Er findet, jährlich abwechselnd, in Wien oder in Niederösterreich statt. Heuer feiert man ihn am 20. Juni in Wien Pötzleinsdorf. Der Sinn aus naturschutzfachlicher Sicht ist, Aufmerksamkeit zu erregen und das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Artenvielfalt in der Natur zu schärfen. Es soll gezeigt werden, dass Käfer nicht gleich Käfer und nicht jeder Fisch ein Karpfen ist. Zudem werden bei der Veranstaltung nur regionale Produkte verkauft, wodurch die heimische Landwirtschaft unterstützt wird. Davon profitieren sogar kleinste Lebewesen. Denn wenn die Menschen regionale Produkte konsumieren, dann kann die Landwirtschaft überleben und die Bäuerin oder der Bauer mäht die Wiese weiterhin. Wenn die Wiese erhalten bleibt, dann behalten dort viele wichtige Tiere wie Wildbienen, Schmetterlinge und weitere Insekten ihren Lebensraum und so weiter. Das ist ein schönes Beispiel für die Projekte, die wir hier im Biosphärenpark haben, um das Leben von Mensch und Natur positiv zu fördern und nachhaltiger zu leben.

Spürt man im Biosphärenpark bereits Auswirkungen vom Klimawandel? Inwiefern?
Ja, wir merken, dass es in den letzten acht bis zehn Jahren deutlich trockener geworden ist. Das sieht man beispielsweise an den Stellen, wo früher das ganze Jahr ein Bacherl geronnen ist. Dort ist an vielen Stellen im Sommer gar kein Wasser mehr. Auch sind die Sommer deutlich heißer geworden. Die Auswirkungen sieht man bei vielen Nadelbäumen wie den Fichten. Sie sind diese hohen Temperaturen nicht gewohnt und sterben der Reihe nach ab. Aber auch die Schwarzföhren, die eigentlich viel Trockenheit gewöhnt sind, sterben zum Teil ab; durch die Hitze oder die lange Trockenheit.

Auch bei vielen Tierarten sind die Auswirkungen des Klimawandels sichtbar. Viele Tiere, die es gerne warm haben, vermehren sich viel mehr, und Tiere, die es gerne feucht und kühl haben, verschwinden langsam. Der Salamander zum Beispiel ist in vielen Gebieten, in denen es wirklich trocken wird, gar nicht mehr zu finden. Denn wenn der Bach trocken ist, ist der Salamander innerhalb von ein paar Jahren auch weg. Dazu kommt, dass auch Naturkatastrophen wie Waldbrände bei uns zunehmend zum Thema werden. Früher hat es im Sommer immer wieder ein paar Tage durchgeregnet, voriges Jahr hatten wir im Juni, Juli und August so gut wie gar keinen Regen. Da reicht eine weggeschmissene Zigarette oder ein illegales Lagerfeuer, und schnell kann ziemlich viel in Flammen aufgehen.

Inwiefern trägt der Wienerwald zu einem klimagerechten Leben in einer Großstadt bei und was können wir tun?
Es gibt viele Möglichkeiten, denn Klima heißt nicht nur Kohlendioxid. Klima heißt auch heiß oder kühl. Genau da sind der Wienerwald und auch die Bäume in der Stadt enorm wichtig. Der Wienerwald liegt im Westen, und in Wien gibt es sehr häufig Westwind. Ein großer Baum kann bis zu 1.000 Liter Wasser am Tag verdunsten. Das verdunstete Wasser kühlt. Das heißt, die Luft über dem Wienerwald ist gekühlt und fließt dann über den Westwind in die Stadt hinein. Ohne den Wienerwald hätten wir wahrscheinlich fünf bis sechs Grad mehr in der Stadt. Wobei es durch die Bebauungen im Stadtzentrum bereits jetzt um die fünf Grad wärmer ist als am Stadtrand. Ohne den Wienerwald wäre es dann noch um einiges wärmer. Aber auch die Artenvielfalt spielt eine wichtige Rolle, deshalb müssen wir darauf achten, dass sie geschützt wird. Oft arbeiten aber technische Klimamaßnahmen sogar gegen die Artenvielfalt. Der Biosphärenpark hat den großen Vorteil, dass wirklich beide Bereiche, das heißt Klima und Artenschutz, angeschaut und dementsprechend Maßnahmen getroffen werden können.

Zudem haben wir die einmalige Situation, dass wir in Wien selbst innerhalb der Stadtgrenzen auf einem Fünftel der Fläche Wald haben. Das bedeutet, dass ich mich auch im Sommer als Wienerin oder Wiener ganz einfach in den Bus oder die Straßenbahn setzen und direkt in den Wald fahren kann. Ich bin dann relativ rasch im Kühleren und kann mich von der Hitze der Großstadt erholen. Das ist nahezu einzigartig im Vergleich zu anderen Großstädten, wo man ein Auto braucht, um ins Grüne zu kommen. Gerade hier kann jede und jeder von uns etwas zu einem klimagerechten Leben beitragen und anstelle des Autos das Rad oder die vielen Öffis nehmen. Denn gerade in Wien gibt es so viele Radwege, und auch viele Mountainbikestrecken im Wienerwald sind ausgebaut worden.

Ein weiterer Bereich, der viel ausmacht, ist das Thema Heizen und Kühlen. Klimaanlagen werden in den kommenden Jahren sicher immer gefragter. Da kann sich dann jede und jeder selbst entscheiden, ob er eine strombetriebene Klimaanlage in seiner Wohnung stehen hat oder beispielsweise in der Nacht lüftet und am Tag die Rollos schließt. Weiters kann man auch etwas bewirken, indem man Produkte aus der Region kauft und im Winter zum Beispiel auf Erdbeeren oder Kirschen verzichtet. Wer ein bisschen nachdenkt, wird sehen, dass man selbst ganz einfach sehr viel erreichen kann.