Meteorologen der ZAMG
Die Meteorologen der ZAMG - Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik bei der Arbeit. © ZAMG/Lammerhuber

Wiener Wetter-Eigenheiten

Wien ist anders. Auch beim Wetter. Egal zu welcher Jahreszeit: Der Wind weht immer. Und die Innenstadt ist der wärmste Ort Österreichs. Warum das so ist, erklärt Meteorologe Thomas Wostal.

Thomas Wostal steht auf der Wiese der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik auf der Hohen Warte in Döbling. Der studierte Meteorologe, einst Leiter der ORF-Fernseh-Wetterredaktion, zeigt auf einige Messgeräte aus Stahl. Sie glitzern auf wenige Quadratmeter versammelt in der Sonne. "Diese Wetterstati­on liefert die Basis, um eine Prognose für das Wiener Wetter abgeben zu können." Das sind Daten zu Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Niederschlagsmenge, Wind. "Trotzdem ist die Wettervorhersage nicht immer so einfach. Denn die geografische Lage der Stadt hat so ihre Tücken." Und der Wind spielt dabei eine ausgeprägte Rolle.

Messgeräte der Zentrale der ZAMG auf der Hohen Warte und Meteorologe Thomas Wostal
Meteorologe Thomas Wostal erklärt, dass die Messgeräte der ZAMG Daten zu Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Niederschlagsmenge und Wind liefern. © ZAMG/Baumgartner und © Hans Leitner

Bevorzugt aus Westen

Der Wienerwald ist die einzige Erhebung der Stadt und bietet ihr kaum Schutz. Dementsprechend weht fast ständig der Wind. Bevorzugt aus dem Westen. "Besonders kräftig ist er, wenn er aus dem Donaudurchbruch kommt. Bisamberg und Leopoldsberg wirken wie ein Düse." So wie auch heute.

Das Wiener Becken ist, vereinfacht gesagt, eine große Wanne. Die Folge: in den kalten Monaten sammelt sich über der Stadt massenhaft Kaltluft. Viele Tage erscheinen grau in grau. Nur der stürmische West- oder Nordwestwind kann den Kältesee für einige Zeit verblasen. Doch nach dem Abflauen bildet er sich schon wieder. Die Winter sind im Vergleich zum Rest von Österreich milder. Doch lassen die ständigen Winde die Temperatur mitunter eisig wirken.

Macht der Wind im Winter einmal tatsächlich Pause, hängt oft Nebel oder Hochnebel über der Stadt. Die meteorologische Faustregel besagt: Nebel gibt es nur bei Flaute. Jedoch nicht immer. Denn kommt der Wind aus Südosten aus der Puszta, hat er kalte und feuchte Nebelluft im Gepäck und in Wien bleibt es selbst an einem windigen Tag grau in grau. Ein Wiener Unikum. Der gleiche Wind saugt dafür im Sommer heiße Luft aus der Ungarischen Tiefebene an. Die sorgt dann für eine Affenhitze. Meist in Kombination mit einer hohen Staubbelastung. Auch kein Vergnügen.

Gewitter sind Ärgernis

Doch nicht deshalb ist Wien die wärmste Stadt Österreichs. Am 8. August 2013 wurden bei der Wetterstation Wien-Innere Stadt sogar 39,5 Grad Celsius gemessen. Aber was zählt ist der Jahresdurchschnitt. Und da hat Wien die Nase vorn. Das heißeste Jahr war 2015 mit 12,1 Grad Celsius.

Thomas Wostal hat noch mehr Überraschungen. So sind der Juli und August in Wien die regenreichsten Monate. Das erscheint auf den ersten Blick unlogisch, scheint doch die Sonne gerade in diesen beiden Monaten besonders stark. Doch dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung: "Die Hitze fördert das Entstehen von Gewittern. Und die können oft ungeahnte Wassermassen frei machen."

Ein Extrembeispiel dafür fällt ihm auch gleich ein. Es ereignete sich am 25. Juni 2008. Damals feierten in Wien gerade Tausende Fans die Fußball-Europameisterschaft auf dem Wiener Rathausplatz. Fassungsloses Staunen, als beim Spiel Deutschland gegen die Türkei die Aufforderung kam, die Fanzone umgehend zu räumen.

Gefahr im Verzug

Was die Fans noch nicht wussten: Ein Meteorologe der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) rechnete aufgrund seiner Wetterdaten mit einem außerordentlich starken Gewitter direkt über der Innenstadt. Es bestand sogar potenzielle Lebensgefahr für die Fans. "Das war damals eine sehr schwere Entscheidung für den Kollegen", weiß Thomas Wostal. "Was, wenn sich seine Vermutung nicht bewahrheitet hätte? Das Gewitter überraschend vorbeigezogen wäre. Das kommt oft genug vor. Er musste damals blitzschnell abwägen. Auf der einen Seite drohte ein wirtschaftlicher Schaden. Auf der anderen Seite eine Gefährdung der Fans."

Vorhersagekarte
In der Wetterkarte wird ein vorherberechnetes Satellitenbild mit der Bodendruckanalyse überlagert. Blaue Dreiecke weisen auf eine Kaltfront hin, Warmfronten werden mit roten Halbkreisen gekennzeichnet. © ZAMG

Die Exekutive evakuierte schließlich in nur wenigen Minuten die Fanzone. Gerade noch rechtzeitig. Das Gewitter war gewaltig. Die Wassermassen einzigartig. Sogar das TV-Signal im internationalen Übertragungszentrum in Wien fiel mehrmals minutenlang aus. Thomas Wostal: "Gewitter sind wahnsinnig schwer vorherzusagen. Da kommen so viele Faktoren zusammen. Das ist eigentlich die Königsdisziplin der Wettervorhersage."

Immer und überall

Vom Garten geht es zurück ins Büro. Zur Demonstration präsentiert Wostal die aktuelle Wetterkarte auf dem Bildschirm. Es erscheint deutlich sichtbar ein Gewitter, das von Nordwest, von Zwettl, auf Wien zusteuert. Ob es an der Stadt vorbeizieht oder darüber abregnet, ist noch nicht exakt vorhersehbar. "Doch die Leute wollen heute immer und überall eine genaue Prognose." Im digitalen Zeitalter versprechen das auch einige Apps. Doch für Thomas Wostal klaffen dabei Realität und Wunschdenken noch zu sehr auseinander. "Die ZAMG erstellt eine Wettervorhersage für den Vormittag, den Nachmittag und die Nacht." Aber natürlich gibt es rund um die Uhr Prognosen, speziell für das gesamte Katastrophenmanagement bei extremen Wetterlagen. So hat die ZAMG für diverse Warn- und Webanwendungen auch automatische Prognosen, die in Frequenzen bis zu zehn Minuten aktualisiert werden.

Vorhersage spart Geld

Die ZAMG gibt es seit 1851. Sie ist damit der älteste selbstständige Wetterdienst der Welt. Einst diente sie dem Kaiser, heute bietet sie ihre Leistungen vor allem Fernseh- und Rundfunkanstalten, Tageszeitungen, Versicherungen, Energiewirtschaft und Bauunternehmen an. Die Erstellung dieser Prognosen erfordert höchst professionelle Arbeit. Schließlich geht es um viel Geld. Flugverkehr, Landwirtschaft und Open-Air-Veranstaltungen zum Beispiel sind von der Vorhersage abhängig.

Supercomputer an der ZAMG in Wien.
Der Supercomputer der ZAMG leistet bis zu 82 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde – eine Zahl mit zwölf Nullen. © ZAMG/Lammerhuber

Für die Erstellung der Prognosen ist die Datenmenge enorm. "Die ZAMG misst alleine an den rund 270 Boden-Wetterstationen in Österreich 1,87 Millionen Wetterdaten, um eine zuverlässige Prognose zu erstellen", weiß Thomas Wostal. Außerdem steigt zwei Mal täglich auf der Hohen Warte ein Wetterballon auf. Er misst die vertikale Verteilung von Temperatur, Feuchte und Wind bis rund 30 Kilometer Höhe. Für die rasche Datenverarbeitung kommen längst Computer zum Einsatz. Die ZAMG errechnet ein Vorhersagemodell für den Alpenraum zum Beispiel mit bis zu 82 Billionen Rechnungen pro Sekunde. Das ist eine Zahl mit zwölf Nullen.

Eine relative Einschätzung

Inzwischen lässt sich das Wetter mit dem Computer für zwei, drei Tage relativ genau berechnen. Dabei fließen immer auch jahrelang gemessene, statistische Werte und Erfahrungen ein. Die Temperatur-Abweichung beträgt selten mehr als zwei Grad. Doch bei einem Blick in die fernere Zukunft lässt sich nur mehr ein Trend, eine Wetter-Entwicklung in eine bestimmte Richtung, erstellen. "Eine 'Zehn-Tage-Prognose' verrät zum Beispiel: es bleibt feucht, die Temperatur klettert nach oben, es kommt ein Hoch. Eine gang genau Vorhersage, dass es zum Beispiel am zehnten Tag am Vormittag regnet und am Nachmittag die Sonne strahlt, ist nicht möglich".

Ganz neue Aufgabe

Bei der ZAMG sind zwölf Personen im Schichtdienst für die Wettervorhersage zuständig. "Jeder in die Wettervorhersage gesteckte Euro erwirtschaftet fünf Euro", sagt Wetterexperte Wostal. Ein Beispiel dafür sind die Windvorhersagen für Windräder. Davon gibt es mittlerweile unzählige rund um Wien. Damit ihre Stromproduktion exakt berechnet werden kann, braucht es Infos, wie stark der Wind in einer Höhe von rund 140 Metern weht. Thomas Wostal beleuchtet die Krux dabei: "Für die Planung des Stromnetzes muss am Vortag die Liefermenge mitgeteilt werden. Produzieren die Windräder aber zu viel oder zu wenig Strom, zahlen die Windrad-Betreiber eine Pönale." Dafür werden heute auch Ultraschall-Windmessgeräte eingesetzt. Der Computer errechnet mehrmals pro Sekunde sowohl Windrichtung als auch Windgeschwindigkeit.

Video: Wetterstation "Atmos"

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