Hubert Christian Ehalt hat die Veranstaltungsreihe "Wiener Vorlesungen" 1987 ins Leben gerufen. © media wien

Ein wissenswertes Dialogforum

Die Wiener Vorlesungen befassen sich seit beinahe 30 Jahren mit der gesellschaftlichen, politischen und geistigen Situation der Zeit. inwien.at sprach mit Initiator Hubert Christian Ehalt über eines der nachhaltigsten Wissens- und Kulturprojekte.

Hubert Christian Ehalt hat die Idee für das Projekt der Wiener Vorlesungen entwickelt, kommuniziert, diskutiert und von Beginn an in die Tat umgesetzt. Gestartet wurde es im Frühjahr 1987. Im Zuge des Projekts wurden bis zum heutigen Tag 1.500 erfolgreiche Veranstaltungen durchgeführt. Bei den Wiener Vorlesungen waren in rund 30 Jahren 5.500 Wissenschafterinnen und Wissenschafter als Vortragende zu Gast. Fast 300 Bücher in neun Buchreihen sind erschienen. Es gibt eine Bibliothek der Wiener Vorlesungen im Picus Verlag mit fast 200 Bänden. Ein Lieblingsprojekt des Gründers und Herausgebers Ehalt ist die "Enzyklopädie des Wiener Wissens", die die Wiener Kultur- und Wissensgeschichte in einer infinitesimalen Reihe von Bänden darstellt. Seit sechs Jahren gibt es die Wiener Vorlesungen im TV, seit fünf Jahren auf ORF III und etwas später dann auch auf OKTO TV.

Hubert Christian Ehalt und Paul Watzlawick (November 1991). © media wien

inwien.at: 2017 feiern die Wiener Vorlesungen 30-jähriges Jubiläum. Welchen Zweck verfolgt das "Dialogforum der Stadt Wien"?

Hubert Christian Ehalt: Zielsetzung der Wiener Vorlesungen ist, daran mitzuwirken, dass Bürgerinnen und Bürger den Wunsch, die Lust und die Fähigkeit haben, sich an der städtischen Öffentlichkeit in Wien zu beteiligen. Von seiner Geschichte und vom Begriff her ist das "Rathaus" ein vielschichtiges Phänomen. Historisch bedeutet Rathaus den Ort, an dem die Ratsversammlung tagt, die über die städtischen Geschicke entscheidet. Rathaus kann man aber auch wie die Wiener Vorlesungen als einen Ort verstehen, an dem gute Ratschläge für die Gestaltung des eigenen und des kollektiven Lebens gegeben werden.

Der ehemalige Bundeskanzler der Republik Österreich, Bruno Kreisky, hat seiner Wiener Vorlesung im März 1988 den Titel "Geschichte, klüger für ein anderes Mal?" gegeben. Er wollte damit sagen, dass Geschichte die Aufgabe einer Instanz für brauchbares, wichtiges und nützliches Wissen sein kann und sein soll: Man kann aus der Geschichte lernen, indem man Handlungen setzt, die einen guten, vielleicht einen besseren Verlauf der Verhältnisse ermöglichen.

Die Wiener Vorlesungen sind seit fast 30 Jahren, gegründet wurden sie Anfang Mai 1987, das Dialogforum Wiens. Bürgerinnen und Bürger, die in großer Zahl zu den Veranstaltungen kommen, erwarten, dass sie erfahren, was warum, wie, mit welchen Zielen und Ergebnissen in dieser Welt geschieht.

Die Wiener Vorlesungen bestehen aus Vortrag, Podiumsgespräch und Publikumsdiskussion. Im Regelfall des Formates der Wiener Vorlesungen kann jede Besucherin und jeder Besucher zu Wort kommen.

Die Wiener Vorlesungen sind sehr gut besucht. Und durch die gut funktionierenden Medienkooperationen, dazu zählen Vorträge, Bücher und Fernsehsendungen, haben wir bei den Veranstaltungen bisher rund 8,5 Millionen Menschen erreicht.

Kardinal Franz König mit Gerhard Botz und Hubert Christian Ehalt. © media wien

Welche Überlegungen stehen bei der Themenplanung und Gästeauswahl im Vordergrund?

Bei der Planung der Wiener Vorlesungen, der Publikationen und der Medienkooperationen gibt es für mich drei Prioritäten: Erstens sollten die Vorlesungen die großen Herausforderungen, denen die aktuelle Welt gegenübersteht, fokussieren. Zweitens sollten die Vorlesungen sich mit den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen um diese Fragen, um die Aufhellung der aktuellen Diskurse, bemühen. Drittens sind die Vorlesungen wesentlich auch "Wiener Vorlesungen". Das heißt, sie setzen sich damit auseinander, wie sich ein Thema aus Wiener Perspektive ausmacht.

Große gesellschaftliche Fragen verlangen oft eine kritische Auseinandersetzung. Was sind die wichtigsten Spielregeln beim Diskurs?

Die wichtigste Zielsetzung und die Priorität in der intellektuellen Auseinandersetzung mit Themen ist für mich die kritische Perspektive. Die Vorlesungen wollen primär nicht erzählen, was war und was ist, sie wollen sich kritisch mit einem Thema auseinandersetzen. Ihr Anliegen ist nicht, einen Sachverhalt zu erzählen. Es geht um Analyse und Bewertung. Die zehn großen Zielsetzungen der Wiener Vorlesungen lauten: Aufklärung statt Vernebelung, Differenzierung statt Vereinfachung, Analyse statt Infotainment, Tiefenschärfe statt Oberflächenpolitur, Empathie statt Egomanie, Utopien statt Fortschreibung, Widerspruch statt Anpassung, Auseinandersetzung statt Belehrung, Gestaltungswille statt Fatalismus, Werte statt "anything goes".

Hubert Christian Ehalt mit Pierre Bourdieu (November 2000). © media wien

Die Vorträge im Rathaus sind für Zuhörerinnen und Zuhörer frei zugänglich. Inwieweit können Gäste mitdiskutieren und zur Wahrheitsfindung beitragen?

In einer öffentlichen Diskussion, wie in der Öffentlichkeit insgesamt, gilt der Satz "Audiatur et altera pars". In Besprechung und Bewertung gesellschaftlicher Agenda gibt es keine nüchterne und definitive Wahrheit. Vielmehr gibt es zu allen Fragen eine Summe von Meinungen und Wahrheiten. Wenn es meine Aufgabe wäre, einen ersten kulturwissenschaftlichen Hauptsatz zu formulieren, dann würde dieser lauten: „Die Kultur, ihre Analyse, ihre Bewertung sind widersprüchlich, weil es keine einheitliche Summe von Wahrheiten geben kann.“ Bei der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung gilt daher das verdiente rechtswissenschaftliche Postulat, man möge bei der Ergründung der Wahrheit auch die andere Seite, die anderen Positionen hören. Insofern gehört es zur Dramaturgie der Wiener Vorlesungen, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer der Wiener Vorlesungen zu Wort kommen können.

Hubert Christian Ehalt mit Ernst Gombrich (1993). © media wien

Nach Vorträgen aus beinahe 30 Jahren: Welche thematischen Meilensteine fallen ihnen rückblickend ein?

Die Wiener Vorlesungen diskutierten die "österreichische Lebenslüge", die These, dass der österreichische Staat und die österreichischen Bürgerinnen und Bürger ein Opfer - das erste Opfer - der nationalsozialistischen Invasion beziehungsweise Expansion gewesen seien. Die Wiener Vorlesungen luden Emigrantinnen und Emigranten dazu ein, ihr Verhältnis zu ihrem Heimatland, aus dem sie Ende der 1930er-Jahre des 20. Jahrhunderts von den Nationalsozialisten vertrieben wurden, zu bewerten und in einen Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern, die in Österreich geblieben sind, zu treten.

Die Wiener Vorlesungen diskutierten den Zusammenbruch des kommunistischen Systems in Osteuropa, den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union, die Entwicklungen Wiens zu einer führenden Wissenschaftsstadt Europas etc.

Die Ergebnisse der Vortragsreihe füllen mittlerweile an die 300 Bücher. Stellen diese Nachbetrachtungen eine Ergänzung dar oder sind sie reine Dokumentation?

Die Lektüre von Büchern stellt eine andere Form der Wissensaneignung wie das Anhören eines Vortrags dar. Bücher können in der Regel die Komplexität eines Themas besser erfassen und erklären. Die Darstellung eines Themas in schriftlicher Form ermöglicht eine präzisere und strukturiertere Kritik. Entlang eines Textes ist eine kritische Auseinandersetzung besser darzustellen als bei einem Vortrag oder einem Gespräch.

Hubert Christian Ehalt mit Ruth Klüger (2003). © media wien

Wie geht es nach den Jubiläumsfeierlichkeiten mit den Wiener Vorlesungen weiter?

Im Jahr 2017 wird es ein differenziertes und vielschichtiges Programm geben, das den gegenwärtigen Zustand der Welt illustriert, erklärt und kritisiert. Die Wiener Vorlesungen sind eines der nachhaltigsten Wissens- und Kulturprojekte der Zweiten Republik: 30 Jahre, 1.500 Vorlesungen, 5.500 Referentinnen und Referenten, fast 300 Publikationen, über 140 Fernsehsendungen. Es gibt eine große Zahl von Produkten, die für die Öffentlichkeit zu erschließen und zu bewahren sind. Ein Projekt ist die Digitalisierung von rund 1.500 Vorträgen. Die Wiener Vorlesungen sind ein Projekt, das sich aus den Ideen und Gesetzen der Gutenberg-Galaxis entwickelt hat und sich organisch in die gegenwärtige digitale und interaktive Wahrnehmungswelt eingliedert. Die Wiener Vorlesungen sind eine Dokumentation des intellektuellen Lebens und der intellektuellen Erkenntnisse der letzten 30 Jahre. Meine Aufgabe ist es, das intellektuelle Material der Wiener Vorlesungen, die durch die Wiener Stadtpolitik und Stadtverwaltung uneingeschränkt gefördert und unterstützt wurden, für die Nachwelt zu sichern.

Vorteilspartner CLUB WIEN

Open Acting Academy Wien

Mit der CLUB WIEN-Vorteilskarte erhalten Mitglieder 10 Prozent Ermäßigung bei jeder Buchung!

Erfahren Sie mehr 31040

Donauturm

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 20 Prozent Ermäßigung auf die Liftfahrt! Sonderaktion für CLUB WIEN-Mitglieder zwischen 16 und 25 Jahren!

Erfahren Sie mehr 31042

Votivkino und De France

Mit der CLUB WIEN-Vorteilskarte erhalten Sie im Votivkino und im De France jeden Dienstag die Kinokarte um 7,50 Euro!

Erfahren Sie mehr 31072

Gloria Theater

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 10 Prozent Ermäßigung im Gloria Theater!

Alle Vorteilspartner