Esther misst nach, ob der Nagel auch an der richtigen Stelle angebracht ist. © PID/Votava

Her mit dem Hammer

Im Kindergarten Gersthofer Straße 125 gehen die Mädchen und Buben mit Säge, Bohrer und Nägeln ans Werk. Das Projekt "Prozessorientiertes Gestalten" fördert die Kinder auf vielfältige Weise

"Ich brauche einen Hammer", sagt Esther, 4 Jahre alt. "Und was brauchst du noch?", fragt Kindergartenpädagogin Ursula Kriegl. "Handschuhe!" Das Mädchen streift sich die Handschuhe über und schlägt mit Kraft den Nagel in das Holz. Die Werkbank gibt Halt. Was Esther machen will? Das weiß sie noch nicht genau. Es ist auch gar nicht wichtig. Beim prozessorientierten Gestalten geht es nicht um ein fertiges Produkt. Hinter dem sperrigen Begriff steht ein kreativer Umgang mit unterschiedlichen Materialien, wobei der Prozess, also der Weg und nicht das Ziel, im Vordergrund steht.

Wenn die Kinder Hilfe brauchen, unterstützt Kindergartenpädagogin Ursula Kriegl sie. © PID/Votava

Im Kindergarten in der Gersthofer Straße 125 im 18. Bezirk hilft Ursula Kriegl Benedikt, 6 Jahre alt, dabei, das Holz an der Werkbank festzumachen. Sie hat das Projekt "Prozessorientiertes Gestalten" voriges Jahr im Kindergarten initiiert.

"Die Idee kam auf, weil viele neue Kinder zu uns gekommen sind. Wir wollten, dass sie zueinanderfinden", erzählt Kriegl. Um das Projekt starten zu können, wurde eine ungenutzte alte Werkbank gemeinsam mit den Kindern auf Vordermann gebracht. Nach anfänglichen Sicherheitsübungen konnten die Kinder drauflosprobieren.

Video: Kreatives entdecken

Geübt gehen die Mädchen und Buben auch heute mit Säge, Zwinge, Schraubenzieher und Nägeln um. Die beiden Pädagoginnen der Gruppe achten darauf, dass nichts passiert und unterstützen die Kinder. Benedikt möchte zum Beispiel die Feile ausprobieren und braucht Hilfe. Kriegl zeigt, wie es funktioniert, dann geht der Bub selbst ans Werk. "Die Pädagogin lässt den Prozess laufen. Das heißt, wir greifen nicht in das Tun der Kinder ein."

Barbara Salmen ist Kindergartenleiterin im Kindergarten Gersthofer Straße 125. © PID/Votava

Der Wiener Bildungsplan

Der Ansatz des prozessorientierten Gestaltens stimmt völlig mit dem Wiener Bildungsplan überein. Der Wiener Bildungsplan fasst die Grundlagen und Ziele der Bildungsarbeit zusammen und bildet den Rahmen für die pädagogische Arbeit in allen Wiener Kindergärten. Als erstes Bundesland in Österreich hat Wien diesen Bildungsplan ins Leben gerufen.

Selbstbewusstsein wird gefördert

Darin ist unter anderem festgelegt, dass das Kind selbst bestimmt, welche Lernimpulse es wahrnimmt. Kindergartenleiterin Barbara Salmen erklärt: "Gibt man dem Kind etwas vor, das einfach nur fertig werden soll, wird es am Ende oft das Werk eines Erwachsenen. Weil das Kind die Lust und Geduld verliert. Das Erfolgserlebnis, das Gefühl, ich habe etwas selbst geschafft und durchgehalten, fehlt dann. Etwas selbst zu tun und zu lösen fördert das Selbstbewusstsein des Kindes, daran lernt es. Genauso gehören das Scheitern und Entwickeln einer neuen Idee dazu."

Das entspricht dem im Bildungsplan festgelegten Prinzip der Individualisierung und Differenzierung. Individualisierung bedeutet, dass Pädagoginnen und Pädagogen jedes Kind in seiner Einzigartigkeit wahrnehmen. Differenzierung heißt, dass persönliche Eigenarten, Bedürfnisse, Begabungen und Interessen des Kindes beachtet werden. Dazu gehört, dass Kinder Freiräume haben. Sie bestimmen selbst, welche Angebote sie annehmen oder mit wem sie spielen, arbeiten, forschen und gestalten.

In der Kindergartengruppe in der Gersthofer Straße hat Nico 5 Jahre alt, sich soeben zu Esther und Benedikt gesellt. Vorsichtig hämmert er einen Nagel ins Holz. Er arbeitet konzentriert. Die Geduldsprobe ist ihm anzusehen. Die Fähigkeiten, die bei dieser Arbeit geschult werden, sind vielfältig.

Probleme werden gelöst

Jeder Handgriff fördert beispielsweise die motorischen Fähigkeiten. Bei der kognitiven Kompetenz geht es wiederum nicht ums Lernen im klassischen Sinn, sondern darum, dass Kinder lernen, Probleme zu lösen und eigene Ideen zu entwickeln. "Gleb, 5 Jahre alt, wollte ursprünglich einen Berg machen. Das hat mit dem ausgewählten Material nicht so funktioniert. Er suchte eine neue Lösung und ist auf die Idee gekommen, stattdessen einen Vulkan zu bauen", erzählt Kriegl. Eine Schuhschachtel bildete die Grundlage des Vulkans, eine leere Chipsschachtel in der Mitte das Loch.

Esther und Benedikt holen sich Tipps bei ihrer Kindergartenpädagogin Ursula Kriegl. © PID/Votava

Durch das prozessorientierte Gestalten werden die Kinder kreativ und gestalterisch gefördert. Sie erkennen Größenverhältnisse und Formen, lernen neue Worte kennen, beobachten die anderen, kommunizieren miteinander und agieren auf sozialer Ebene. "Benedikt, die Handschuhe sind da unten", erinnert etwa Esther ihren Kindergartenfreund.

Forschen und entdecken

Prozessorientiertes Gestalten zielt auf das ganzheitliche Lernen ab, das heißt, es regt alle Sinne an. Die Kinder erforschen und entdecken Materialien auf neue Weise. "Eine Mutter hat mir erzählt, dass das Kind von einer Styroporpackung ganz begeistert war und sie unbedingt mit in den Kindergarten nehmen wollte, um daraus etwas zu machen." Von Anfang an hat Kriegl die Eltern miteinbezogen und sie über das Projekt informiert. Ein weiteres Prinzip, das im Bildungsplan unter dem Titel "BildungspartnerInnenschaft" aufscheint.

In Werken verarbeiten die Kinder ihre eigenen Lebenssituationen, spiegeln wider, was sie bewegt und beschäftigt. "Ein Bub, der sich im Umgang mit den anderen nicht leicht getan hat und oft angeeckt ist, hat die Ecken seines Werks mit Korken abgerundet", erinnert sich Kriegl. "Ein Mädchen mit einer riesigen Familie hat wiederum ihre Familie dargestellt und dafür Korken verwendet, die sie in unterschiedlicher Höhe abgeschnitten hat. Am Ende hat sie alle mit einem Gummiringerl verbunden."

Die Beobachtungen sind wertvolle Möglichkeiten, mehr über das Kind zu erfahren. "Dabei bleiben wir völlig wertfrei, wir diagnostizieren das Kind nicht, sondern versuchen es durch unsere Einblicke in seiner Entwicklung noch besser zu fördern", stellt Leiterin Salmen klar.

Nährboden für Kreativität

Das Projekt hat die Kinder wie erhofft zusammengeschweißt. "Wir haben es voriges Jahr abgeschlossen. Aber weil es so gut angekommen ist, haben wir überlegt, es doch wieder aufleben zu lassen." Die Kinder freut es und noch jetzt zeigen sie stolz die Werke, die sie voriges Jahr gestaltet haben.

"Ich möchte damit der Kreativität der Kinder einen Nährboden geben", sagt Kriegl. "Für die Zukunft und auf lange Sicht halte ich es für wichtig, dass Kinder sich eigene Gedanken machen und neue Lösungen finden."

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