Mohamed Koltom hat in Damaskus Jus studiert und absolviert ein Praktikum an der Wirtschaftsuniversität Wien. © Bohmann/Bubu Dujmic

Das Praktikum als Sprungbrett

Einen Job in der Wissenschaft zu finden, ist nicht einfach. Drei Menschen mit Fluchterfahrung erzählen

von ihren Praktika in Forschungseinrichtungen.

Durch das Fenster in seinem hellen Büro kann Mohamad Koltom den modernen Campus der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien sehen. Hinter seinem ­Arbeitsplatz hängt ein mit juristischen Begriffen vollgeschriebenes Whiteboard und neben dem Computer liegen Fachbücher bereit. „Als ich zum ersten Mal hierherkam, hatte ich große Versagensängste“, sagt der 24-jährige Syrer. „Ich habe mir Sorgen gemacht, dass mein Deutsch nicht ausreicht.“

Sein Vorstellungsgespräch für das Praktikum im Forschungsinstitut für mittel- und osteuropäisches Wirtschaftsrecht nahm ihm jedoch einen großen Teil seiner ­Verunsicherung. „Wir haben ganz viel über Syrien und über mein Jurastudium an der Universität in Damaskus geredet“, erinnert er sich. Sowohl Koltoms Herkunft als auch sein ­Studium waren für das Institut von Vorteil. „Ich schreibe gerade einen Vergleich über die Rechte und Verpflichtungen bei Kaufverträgen in Syrien und Österreich“, ­erklärt er seine Hauptaufgabe.

Stigma Flüchtlinge

Mohamad Koltom ist eine von acht asylberechtigten Personen aus Syrien, dem Irak, Gambia und Afghanistan, die eine von der Berndorf Privatstiftung ­unterstützte Praktikumsstelle an der WU Wien antreten durften. Die dreimonatigen Praktika sollen Geflüchteten ­ermöglichen, an ihre bisherige akade­mische Ausbildung anzuknüpfen: „Wir wollen den Menschen die bestmöglichen Integrationschancen in ­Österreich geben und ihnen eine Perspektive für die Zukunft eröffnen“, begründet Rektorin Edeltraud Hanappi-Egger die Initiative.

Für Koltom ist die auf drei Monate befristete Stelle die erste, seit er vor eineinhalb Jahren nach Österreich geflüchtet ist. Seine Heimat hatte er nicht leicht­fertig verlassen: „Zu Hause war ich ein normaler Mensch, aber hergekommen bin ich als Flüchtling. Das fällt mir sehr schwer“, sagt der Syrer.

Verlorene Architektur

Nach und nach habe er jedoch österreichische Freunde kennengelernt, die ihm einerseits das Deutschlernen und andererseits sein neues Leben erleichtern würden. Ein wenig wehmütig macht ihn nur, dass sein Praktikum bald zu Ende ist. „Ich bin sehr zufrieden mit der ­Arbeit und so dankbar für all die Hilfe von meinem Chef, meinen Kollegen und anderen Menschen in Österreich.“ Um seine Nostrifikationsprüfung zu machen und weiterstudieren zu können, braucht er eine neue Arbeitsstelle. Auch Lynn Karkouki war gerade ­dabei, sich eine Zukunft in Syrien aufzubauen, als sie das Land verlassen musste.

Lynn Karkouki
Architektin Lynn Karkouki arbeitete an ihrem Abschlussprojekt als sie Syrien verlassen musste. © Bohmann/Michael Rausch-Schrott

Bis kurz vor ihrer Flucht arbeitete die 25-Jährige noch an ihrem Abschlussprojekt für ihr Architektur­studium. Das Projekt beschäftigte sich mit den jahrtausendealten Ruinen prachtvoller Dörfer in Nordsyrien – ­bekannt als „Vergessene Städte“. Ihre Faszination für Bauwerke und deren Geschichte hatte sie schon als kleines Mädchen, erzählt Karkouki. Umso trauriger macht es sie, wenn sie an ihre nun zu einem großen Teil ­zerbombte Heimat denkt: „Wir haben alles verloren, die Architektur und uns selbst.“ Zumindest die Altstadt in Damaskus sei noch intakt: „Sie ist für mich magisch. Man spürt dort den Geist der Vergangenheit.“

Wissen schafft Zukunft

Für das Abschlussprojekt in Syrien blieb keine Zeit mehr. Dass sie ihre Arbeit ­dafür im Rahmen ihres Praktikums am Österreichischen Archäologischen Institut in Wien präsentieren konnte, war deshalb eine besondere Gelegenheit: „Einige öster­reichische Kollegen arbeiten in Kairo gerade an einem ähnlichen Projekt und so war es für beide Seiten ein hilfreicher Austausch“, erzählt Karkouki. Auch sonst macht sie sich durch ihr Fach­wissen und ihr zeichnerisches Talent nützlich.

Sie hilft dem Institut bei Forschungsarbeiten, indem sie mithilfe von Laserscans genaue Pläne von Ausgrabungsstätten in der Türkei erstellt. Dass Karkouki Arbeitserfahrung in Wien sammeln kann, verdankt sie einer Initiative der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Außer ihr waren 18 weitere PraktikantInnen mit Fluchthintergrund für ­jeweils drei Monate mit 20 Wochenstunden an verschiedenen Instituten der ÖAW tätig.

„Wir wollten etwas dazu beitragen, dass Personen mit wissenschaftlicher Ausbildung im österreichischen Arbeitsumfeld Fuß fassen können, und haben im Gegenzug selbst sehr von diesem Austausch profitiert“, sagt Koordinator Alexander Nagler. So sehr, dass die Akademie eine Möglichkeit fand, vier der PraktikantInnen selbst weiter zu beschäftigen.

Für andere war das Praktikum ein Sprungbrett zu weiteren Arbeitgebern wie das Bundeskanzleramt. Auch das Feedback von den ProjektleiterInnen und -direkto rInnen an der ÖAW sei durchwegs positiv. Ein Beispiel dafür ist Karlheinz Mörth, Direktor des Austrian Center for Digital Humanities (ACDH). Die Zusammenarbeit mit seinem Praktikanten Ismail Yasin bezeichnet er als „Marriage in heaven“. Dieser unterstützt das Zentrum momentan bei der Erstellung eines digitalen Wörterbuchs zur gesprochenen Sprache in Damaskus.

Isamel Yasin
Ismael Yasin war Lektor an der Universität in Damaskus. In Österreich fängt er wieder ganz von vorne an. © Bohmann/Michael Rausch-Schrott

Da sich die arabische Schriftsprache sehr von der gesprochenen Sprache ­unterscheidet, ist dies keine ­einfache Aufgabe. „Wir arbeiten schon seit vielen Jahren an ­diesem Projekt und sind sehr froh, dass wir Herrn Yasin gefunden haben“, sagt Mörth.
Kultur des Optimismus

Dass Ismail Yasin ein Praktikant ist, ­erscheint auf den ersten Blick kurios: Der 54-Jährige war Lektor an der ­Damaskus Universität und absolvierte im Laufe seiner wissenschaftlichen ­Karriere bereits einige Studienfächer – darunter Englische Literatur, Recht, Päda­gogik und Religionswissenschaften. Nebenbei führte er ein Privatinstitut für Fremdsprachen und wurde im Rahmen seiner Forschungsarbeiten öfter in ­andere Länder wie Japan, Südkorea, die USA, Schweden oder England auf Vorträge eingeladen.

Nun fängt Yasin in Österreich wieder von vorne an. Deprimiert ist der ­Syrer deswegen nicht: „Ich möchte mich darauf konzentrieren, was jetzt passiert und vor mir liegt, anstatt melancholisch zu sein und der Vergangenheit nachzutrauern“, sagt er. „Wer mit dem Auto fährt, darf auch nicht ständig in den Rückspiegel blicken.“ Seine „Kultur des Optimismus“, wie Yasin sie nennt, gibt er bei jeder Gelegenheit weiter.

Nicht lange nach seiner Flucht hielt er eine Präsentation in der Kirche seiner neuen Heimatgemeinde Baden. „Ich habe einfach den Pfarrer gefragt“, erzählt Yasin und schmunzelt. Sein Vortrag handelte davon, Brücken zwischen verschiedenen Kulturen zu bauen, und lockte fast 200 Menschen in die Kirche.

Ohne Reden kein Verstädnis

Mit solchen Aktionen will der Wissenschafter die Kommunikation innerhalb der Gesellschaft fördern: „Ignoranz ist der größte Feind der Menschen“, sagt Yasin. „Alle Probleme der Welt kommen davon, dass Menschen nicht ­miteinander in Dialog treten und einander miss­verstehen.“ Seitdem er beim ACDH mitarbeitet, erhielt der Sprachenexperte auch die Möglichkeit, an verschiedenen Konferenzen wie beispielsweise dem Europäischen Forum Alpbach teilzunehmen. „Tag für Tag und Monat für Monat habe ich immer mehr das Gefühl, meinen Platz gefunden zu haben. Das macht mich sehr glücklich.“

Garantieren kann es Karlheinz Mörth nicht, die Zusammenarbeit über das Praktikum hinaus zu verlängern: „Es ist nicht ganz so ­einfach in der Wissenschaft, aber wir sind dabei, uns für neue Projektfinan­zierungen zu bewerben.“

Sprungbrett Praktikum

Die Architektin Lynn Karkouki weiß bereits, dass sie nach ihrem dreimonatigen Praktikum ein weiteres halbes Jahr am Österreichischen Archäologischen Institut bleiben darf. Bis dahin hofft sie, dass auch ihr Mann nach Wien kommt: „Wir könnten gemeinsam ein Unternehmen aufbauen und Österreich damit etwas Gutes tun.“ Mohamad Koltom überzeugte mittlerweile auch bei seinem zweiten Vorstellungsgespräch: Er hatte sich unter anderem beim Verein Menschenrechte Österreich beworben und erhielt an einem seiner letzten Praktikumstage an der WU eine Zusage.

Forschen & Entdecken

Diese und weitere Geschichten finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Forschen & Entdecken. Das Gratis-Magazin steht Ihnen als E-Paper zur Verfügung. Oder bestellen Sie das Abo frei Haus.

Vorteilspartner CLUB WIEN

Segelschule Hofbauer

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 10 Prozent Ermäßigung auf Segel- und Surfkurse bei der Segelschule Hofbauer!

Erfahren Sie mehr 29620

natural HIGH Zentrum

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten Ermäßigung auf alle Yoga 10er Blöcke im Yoga & Ayurveda Zentrum natural HIGH!

Erfahren Sie mehr 29624

Kabarett Brennesseln

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 10 Prozent Ermäßigung bei den "Brennnesseln".

Erfahren Sie mehr 31193

Gloria Theater

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 10 Prozent Ermäßigung im Gloria Theater!

Alle Vorteilspartner