Nuray Sümbültepe unterrichtet die Jugendlichen am Jugendcollege Favoriten. © Bohmann / Florian Rainer

Die Hauptsache ist, Deutsch zu lernen

Wien geht mit dem Jugendcollege neue Wege bei der Integration von Flüchtlingen: Zugewanderte Jugendliche, die nicht mehr schulpflichtig sind, werden auf den Umstieg ins reguläre Schul- beziehungsweise Ausbildungssystem vorbereitet.

Mittwochnachmittag in Favoriten. Nesrin sitzt im Klassenzimmer und überlegt. Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Mitarbeiter, Beschäftigte. Welches Wort fällt aus der Reihe? Beschäftigte, entscheidet sie. Coach Nuray Sümbültepe schüttelt den Kopf "Was sind denn Beschäftigte?" Die Frage geht an die gesamte Runde in dem kleinen Raum. "Menschen, die arbeiten", antwortet Giwan. "Also sind sie?", hakt die Trainerin nach. "Arbeitnehmer?", mutmaßt Nesrin. "Richtig. Und was sind Mitarbeiter?", fragt Sümbültepe weiter. "Auch Menschen, die arbeiten", ist sich Najdal sicher. "Somit gehört welches Wort nicht dazu?", will die Trainerin wissen. "Arbeitgeber", schlussfolgert Giwan. "Und warum nicht?" Knappe Antwort von Nesrin: "Weil er der Boss ist."

Chance für junge Flüchtlinge

Was für Außenstehende wie ein regulärer Unterricht wirkt, ist für die kleine Gruppe weitaus mehr: Die 15- bis 21-Jährigen, die hier gemeinsam lernen, sind zugewandert. Sie kommen aus Ländern wie Afghanistan, Gambia, Syrien, dem Irak, Rumänien und dem Kongo und wollen nur eines: Fuß fassen, ihre Chancen verbessern, etwas aus sich machen. So wie die 20-jährige Nesrin. Seit vier Monaten ist die junge Syrerin in Wien. Ihr Ziel: studieren und Journalistin werden. Dass das nicht ganz einfach wird, weiß sie. Deshalb gibt es auch einen Plan B: "Wenn es nicht klappt, werde ich einfach Zugfahrerin", sagt sie pragmatisch.

Neue Perspektiven entwickeln

Ohne Ausbildung wäre beides nicht möglich. Das hat Nesrin immer im Hinterkopf. Deshalb fährt sie jeden Tag in die Buchengasse in Favoriten. Dort, im 4. Stock eines Bankgebäudes, holt sie sich das erforderliche Grundwissen. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen, die in der gleichen Situation sind wie sie: nicht mehr schulpflichtig, noch nicht berufstätig. "Genau für diese Zielgruppe wurde das Jugendcollege gegründet", sagt Projektleiterin Maria Steindl. "Wir stellen 1.000 Kursplätze für jene zur Verfügung, die keine abgeschlossene Schulausbildung haben." Voraussetzung dafür: das Mindestalter von 15 Jahren sowie eine Zuweisung vom Arbeitsmarktservice, des Fonds Soziales Wien oder der MA 17.

Integration von Anfang an

Der Status, ob bereits anerkannter Flüchtling oder noch nicht, spielt für die Aufnahme keine Rolle. "Es geht vielmehr darum, den Jugendlichen von Anfang an Perspektiven zu bieten", erklärt Steindl. "Wer rasch die Sprache lernt, nutzt einerseits die Zeit bis zum Abschluss des Asylverfahrens sinnvoll. Andererseits fällt der spätere Start in ein neues Leben mit entsprechenden Voraussetzungen leichter. Daher betreuen wir auch beide Gruppen gemeinsam."

Gemeinsamer Unterricht

Ein absolutes Novum, denn bisher wurden Asylberechtigte immer getrennt von Asylwerberinnen und Asylwerbern unterrichtet. "Wien war aber der Meinung, dass es viele Parallelen bei den beiden Gruppen gibt und ein gemeinsamer Unterricht sinnvoll wäre", so Steindl. 1.000 Kursplätze gibt es derzeit, aufgeteilt auf zwei Standorte in Favoriten und am Alsergrund. Ein wahrer Kraftakt sei es gewesen, das Projekt umzusetzen. "Möglich war das nur, weil es bereits ein gut eingespieltes Netzwerk von neun erfahrenen Organisationen gibt, die zusammen den Inhalt gestalten." Organisationen wie VHS Wien, WUK, Integrationshaus, Interface Wien, Caritas, abz*austria, Equalizent, Viel mehr für Alle! oder BPI der ÖJAB haben über die Jahre hinweg wertvolle Erfahrung in den Bereichen Arbeitsmarkt, Integration, Beratung und Sprachkurse gesammelt. Darauf konnte man zurückgreifen. Für die Finanzierung stehen jährlich sechs Millionen Euro zur Verfügung, wovon die Hälfte aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds kommt, die andere Hälfte aus Mitteln der Abteilung für Integration und Diversität MA 17, des AMS Wien und dem Fonds Soziales Wien finanziert wird.

Bildungsstand entscheidet

Der Aufnahme voran geht ein Clearingverfahren, bei dem der Bildungsstand festgestellt wird. "Wir schauen uns an, welche Basiskenntnisse jemand hat", erklärt Steindl. Danach erfolgt die Einteilung in Lerngruppen, wobei zwischen zwei Angeboten unterschieden wird. Die Basisbildung umfasst Deutsch, Englisch, Mathematik, Informations- und Kommunikationstechnologien. Sie schafft die Grundlage für den Erwerb eines Pflichtschulabschlusses oder eine Lehrstelle. Sind genügend Deutschkenntnisse und eine entsprechende schulische Vorbildung vorhanden, kann auf eine weiterführende höhere Schule oder einen konkreten Berufsweg hingearbeitet werden. Abschlusszeugnis gibt es allerdings keines. "Wir bereiten lediglich vor", betont Steindl.

Flexibler Einstieg möglich

Das Kursangebot ist so gestaltet, dass Übergänge und Neueinstieg jederzeit möglich sind. "Wir erstellen für die Jugendlichen einen individuellen Bildungsplan. Man kann also auf unterschiedlichem Niveau einsteigen. Lernt jemand schnell, kann sie oder er in eine andere Gruppe gehen, um nicht unterfordert zu sein", so Steindl. Der Wechsel erfolgt durchschnittlich nach acht Wochen, das sind 160 Unterrichtseinheiten.

80 qualifizierte TrainerInnen

Kombiniert werden können Kern- und Spezialmodule. Steindl: "Das Hauptaugenmerk liegt auf der Sprachkompetenz. Zusätzlich können Module wie Englisch, Berufsorientierung, Werkstattarbeit und Informations- und Kommunikationstechnologie besucht werden." Ein Drittel von ihnen hat eine der für uns relevanten drei Sprachen - Farsi, Darsi, Arabisch - als Erstsprache", sagt Steindl. Insgesamt bleiben die Jugendlichen rund neun Monate am Jugendcollege.

Betreuung geht weiter

Während der gesamten Zeit stehen den Jugendlichen Ansprechpersonen zur Verfügung. Weil es passieren kann, dass Erinnerungen hochkommen, dass es Stress in der Unterkunft oder Probleme mit anderen Jugendlichen gibt. "Bei so vielen Jugendlichen auf engem Raum gibt es natürlich auch Schwierigkeiten und Herausforderungen", bestätigt Steindl. "Aber letzten Endes geht es darum, dass alle auf einen guten Weg kommen."

Video: Jugendcollege Favoriten

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