Nehoray fühlt sich in seiner Klasse in der Offenen Mittelschule Max Winter Platz sichtlich wohl. © Bohmann/Bubu Dujmic

Wir leben Integration

Wiens Schulen sind voller Vielfalt. Sie gehen innovative Wege und denken Pädagogik neu. Ein Beispiel dafür ist die Offene Mittelschule Max-Winter-Platz im zweiten Bezirk. Hier gibt es integrative Mehrstufenklassen und es wird inklusive Pädagogik gelebt.

Nehoray, elf, malt konzentriert ein A nach dem anderen auf sein Blatt. Kurz darauf fängt er an, mit seiner Nachbarin zu plaudern. Angelika geht aber nicht darauf ein. Die 14-Jährige zeigt auf das B in der nächsten Zeile und meint: "Jetzt musst du das B schreiben." Nehoray nickt und wendet sich wieder seiner Aufgabe zu. "Das ist gelebte Integration", meint Deutschlehrerin Sonja Schrei. Nehoray ist eines von zwei Integrationskindern in der Klasse 2MSK in der Offenen Mittelschule Max-Winter-Platz im 2. Bezirk. Er erhält nicht nur von einem Sonderschullehrer Unterstützung, sondern zwei Mitschülerinnen und ein Mitschüler haben ihn unter ihre Fittiche genommen. Schrei: "Die Kinder unterstützen ihn regelmäßig bei seinen Aufgaben."

Klassenlehrerin Sandra Pirker, Direktorin Doris Astleitner und Deutschkoordinator Robert Ehrgang. © Bohmann/Bubu Dujmic

In die Klassen integriert

In der Offenen Mittelschule Max-Winter-Platz sind Kinder mit besonderem Förderbedarf in die Klassen integriert. Die Schule ist eine Pilotschule für Inklusion. Das heißt, es gibt keine eigenen Integrationsklassen mehr, sondern Kinder mit einem diagnostizierten Handicap können jede Klasse besuchen. Direktorin Doris Astleitner erklärt: "Integration ist bei uns ein pädagogisches Prinzip. Die Kinder mit erhöhtem Förderbedarf werden gemeinsam mit anderen Kindern unterrichtet. Sonderschulpädagoginnen und -pädagogen helfen in den Klassen. Sie unterstützen Kinder mit erhöhtem Förderbedarf alleine oder auch in der Gruppe. Das Besondere daran ist, dass sie nicht nur für die Integrationskinder da sind, sondern für alle Kinder."

Video: Wiener Schulen vor den Vorhang

Die Schule lebt das Inklusionsprinzip seit zwei Jahren. Direktorin Astleitner: "Ich finde unser Modell genial. Wir profitieren davon, dass wir zusätzlich Sonderschullehrerinnen und -lehrer für besondere, herausfordernde Kinder in den Klassen haben. Alle Kinder in der Klasse haben dadurch die Chance, dass besser auf ihre individuellen Bedürfnisse eingegangen wird." An der Offenen Mittelschule Max-Winter-Platz gibt es eine große Vielfalt an Schülerinnen und Schülern. Die Kinder sprechen verschiedene Muttersprachen, sie kommen aus verschiedenen sozialen Schichten.

Astleitner: "Durch das neue Modell können wir viel besser auf die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Kindes eingehen." Beispiele für gelungene Integration gibt es an der Schule viele. So nahm die 2MSK am Projekt "Schulhausroman" teil, bei dem die Klasse gemeinsam mit Autorin Anna Weidenholzer einen Roman verfasst hat. Bei der Abschlusslesung saßen auch ein Mädchen mit erhöhtem Förderbedarf und ein Schüler mit schwerer Legasthenie auf dem Podium.

Beim „Offenen Lernen“ erledigen die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben selbständig. © Bohmann/Bubu Dujmic

Die Klasse 2MSK ist außerdem eine Mehrstufenklasse. Kinder von der fünften bis zur achten Schulstufe werden gemeinsam unterrichtet. Es gibt nur noch vier weitere Schulen in Wien, die dieses Modell anbieten. Insgesamt werden zwei integrative Mehrstufenklassen an der Schule geführt.

Kinder unterschiedlichen Alters in einer Klasse 

Ricky liest einen englischen Text über die Zeit der 1920er- und 1930er-Jahre in den USA. Neue Englischvokabeln trägt der 14-Jährige in eine Liste ein: Daneben fügt er die deutsche und polnische Übersetzung dazu. Denn Polnisch ist Rickys Muttersprache. Anschließend überlegt er sich einen Beispielsatz mit der neuen Vokabel. Zwei Reihen dahinter sitzt seine zwölfjährige Schwester Zaklin. Sie arbeitet an demselben Text und schlägt im Wörterbuch Vokabeln nach. Zaklin sagt: "Mir gefällt es in der Klasse sehr gut. Ich habe jüngere und ältere Freundinnen. Es ist oft lustig hier, denn die älteren Kinder verhalten sich anders. Meinem Bruder hat es anfangs nicht so gefallen, dass ich jetzt auch in seiner Klasse bin. Aber jetzt stört es ihn nicht mehr."

Der Umgang zwischen den Altersgruppen wie auch zwischen Mädchen und Buben ist sehr entspannt. "Normalerweise ist das nicht so", erklärt Pirker. "Es ist für Buben total uncool, mit Jüngeren zusammen zu sein oder neben einem Mädchen zu sitzen." Jede Woche gibt es in der Klasse einen neuen Sitzplan. Das sorgt für eine gute Durchmischung und Kinder, die sonst nicht viel gemeinsam haben, lernen einander besser kennen. "Ein mit der oder mit dem will ich nicht zusammenarbeiten, gibt es bei uns nicht", betont Deutschlehrerin Schrei.

In den integrativen Mehrstufenklassen sind einzelne Unterrichtsgegenstände in naturkundliche, humanwissenschaftliche und kreative Bereiche zusammengefasst. Im humanwissenschaftlichen Bereich sind das zum Beispiel Geschichte, Sozialkunde, politische Bildung, Geografie und Wirtschaftskunde. Der Unterricht erfolgt projektorientiert. Das Lehrerinnen- und Lehrer-Team besteht aus nur sechs Personen, das macht Absprachen einfacher. Klassenvorstand Sandra Pirker erklärt: "Unser Schwerpunkt liegt im Kreativ- und Sozialbereich sowie in der Mehrsprachigkeit. Wichtig ist uns, dass die Kinder lernen, selbstständig zu arbeiten."

Klassenlehrerin Sandra Pirker bespricht mit jeder Schülerin und jedem Schüler, ihre beziehungsweise seine Aufgaben. © Bohmann/Bubu Dujmic

Zwölf Stunden pro Woche steht Offenes Lernen auf dem Stundenplan. So auch heute. Es ist sehr ruhig in der Klasse. Die Kinder sitzen an ihren Tischen und lesen oder schreiben. Einige arbeiten an einem englischen Text, andere üben für die Deutschschularbeit nächste Woche. Klassenvorstand Sandra Pirker erklärt: "Wir arbeiten mit einem Wochenplan. Im Rahmen von Offenem Lernen können sich die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben frei einteilen." Pirker sitzt vorne am Katheder und ruft einzelne Schülerinnen und Schüler der Reihe nach zu sich. "Durch das selbstständige Arbeiten habe ich Zeit, mich einzelnen Schülerinnen und Schülern zu widmen. Ich schaue, wo sie bei ihrer Arbeit stehen, und kann auf individuelle Fragen eingehen. Neben Pirker sind auch der Sonderschulpädagoge Peter Schischek und Deutschlehrerin Sonja Schrei im Klassenraum. Auch sie unterstützen einzelne Schülerinnen und Schüler bei ihren Aufgaben.

Gezielte Hilfe dank freier Einteilung

Individuelle Förderung wird an der Schule großgeschrieben. Die Erfolge lassen sich sehen: Dank eines gezielten Lesetrainings durch Deutschkoordinator Robert Ehrgang schaffte es etwa Stefan Jovnovic ins Finale des österreichweiten Redewettbewerbs "SAG'S MULTI". Der Bub hielt auf Deutsch und Serbisch eine engagierte Rede für das Recht des Kosovo auf eine eigene Fußball-Nationalmannschaft. Ehrgang: "Das Inklusionsprinzip ist ein Gewinn für unsere Schule. Wir freuen uns, dass wir so auch schwächere Schülerinnen und Schüler bestmöglich fördern können."

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