Mädchen mit Handy
Mobbing vergiftet ein Klassenklima und wirkt sich auf jede und jeden aus. © iStock

Mobbing ist mehr als ein dummer Streich

Anschwärzen, Gerüchte verbreiten, peinliche Fotos posten. Wer von anderen derartig bloßgestellt wird, leidet oft ein Leben lang darunter. inwien.at hat mit der Mediatorin Andrea Buczko gesprochen, wie man sich gegen Mobbing im Internet wehren kann.

Systematische Belästigungen, Bloßstellen, Fertigmachen und Ausgrenzen finden heute nicht nur in der realen Welt, sondern auch im virtuellen Raum statt. Das Besondere an Cybermobbing: Es erreicht ein großes Publikum und kann anonym rund um die Uhr erfolgen. Vor allem die Schule ist ein gutes Spielfeld für gezielte Verunglimpfung.

inwien.at: Wenn es heute um Auseinandersetzungen geht, ist schnell von Mobbing die Rede. Wann trifft der Begriff tatsächlich zu?

Andrea Buczko: Wenn hinter den Schikanen ein System steckt. Unter Mobbing versteht man ganz gezielte Angriffe gegen eine bestimmte Person. Es geht darum, jemanden absichtlich und geplant zu schädigen, zu demütigen und zu entwürdigen. Dabei entsteht ein Ungleichgewicht in der Macht. Die Betroffenen können sich weder wehren noch schützen. Nicht jede Auseinandersetzung ist also gleichzeitig auch Mobbing.

Ist das Phänomen neu oder gab es früher einfach eine andere Bezeichnung dafür?

Schwer zu sagen. Schikanen gab es sicher immer schon. Vielleicht ist die Vehemenz gestiegen oder die gesellschaftliche Akzeptanz. Man kann heute vieles öffentlich sagen und tun, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Wir alle nehmen Gemeinheiten deutlich wahr, auch in der Sprache. Wir haben uns aber auch daran gewöhnt. Das Gefühl der Scham ist verloren gegangen, die soziale Kontrolle versagt und es gibt weniger Solidarität.

Was bringt Menschen dazu, andere zu mobben?

Das Bedürfnis nach Anerkennung und Macht. Man will das Gefühl der eigenen Ohnmacht vermeiden. Mobben kann als Ventil für Aggressionen angewendet werden, kann aber ebenso aus Langeweile passieren. Auch Konkurrenz, Neid oder aus einem Gruppenzwang heraus kann gemobbt werden. Es gibt viele Gründe dafür.

Gibt es Menschen, die leichter zum Opfer werden als andere?

Ganz klares Nein. Es wird oft angenommen, dass bestimmte Verhaltensweisen und Eigenschaften dafür verantwortlich sind. Dafür gibt es aber keinen wissenschaftlichen Beweis. Im Gegenteil: Untersuchungen bestätigen, dass es keinen "Mobbing-Opfer-Typ" gibt. Gemobbt werden kann jede und jeder.

Welche Rolle spielen soziale Medien in diesem Zusammenhang?

Die Hemmschwelle für Cybermobbing ist relativ gering. Es braucht keinen Mut, um eine beleidigende Mail oder ein Posting abzuschicken. Man kann Personen anonym und ohne direkten Kontakt bloßstellen. Man kann belästigen, diffamieren, Hass-Gruppen eröffnen, Fake-Profile erstellen und peinliche Fotos veröffentlichen. Ohne direkte Auseinandersetzung mit dem Opfer. Die Dynamik, die dadurch entsteht, ist oft nicht vorhersehbar, nicht zu kontrollieren und nicht zu stoppen. Es kann 24 Stunden lang in das Privatleben der Betroffenen eingegriffen werden. Das Publikum für solche Angriffe ist unüberschaubar groß, und die Inhalte verbreiten sich rasant. Beim Cybermobbing kennen sich Opfer und Täter meist aus der realen Welt. Was im Alltag beginnt, setzt sich im Netz fort. Ein gutes Beispiel dafür ist die Schule.

Warum ist die Schule ein besonderes Feld für Cybermobbing?

Eine Schulklasse ist eine Art Zwangsgemeinschaft, in der junge Menschen viel Zeit miteinander verbringen. Eine Erwachsene beziehungsweise ein Erwachsener kann den Arbeitsplatz wechseln, ein Jugendlicher muss sich im System arrangieren. Dazu kommt ein Abhängigkeitsverhältnis zu den Lehrenden. Konflikte, die im System Schule entstehen, werden oft nicht direkt ausgetragen, sondern landen im Netz. Mobbing vergiftet ein Klassenklima und wirkt sich auf jede und jeden aus.

Woran erkennt man, ob jemand gemobbt wird?

Auch wenn Mobbing in der Regel verdeckt oder anonym im Internet abläuft, lassen sich in einer Klasse deutliche Veränderungen erkennen. Das kann vom Verstecken auf der Toilette bis zum Erkaufen von Anerkennung durch Geschenke gehen. Häufige Anzeichen sind Leistungsabfall, provokantes Verhalten, Zuspätkommen, plötzliches Stottern, Vermeiden von Blickkontakt, Bauchschmerzen und Schlafstörungen.

Was ist für die Betroffenen das Schlimmste in so einer Situation?

Die soziale Ausgrenzung. Zugehörigkeit ist für junge Menschen ein Grundbedürfnis. Die Betroffenen werden übergangen und daran gehindert, sich zu äußern. Sie werden so lange lächerlich gemacht, bis sie in der Gruppe schweigen und letztlich isoliert sind.

Mobben Jugendliche anders als Erwachsene?

Erwachsenen stehen mehr Möglichkeiten zur Verfügung. Was mir bei Jugendlichen immer wieder auffällt: Sie haben einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und Fairness sowie eine hohe Bereitschaft zu kooperieren. Nur wenige fordern Konsequenzen für Täterinnen und Täter. Die Mehrheit wünscht sich von den Betreiberinnen und Betreibern der Internetforen und sozialen Netzwerkseiten, dass es einfacher wird, eine Verletzung der Nutzungsstandards zu melden und dass rascher darauf reagiert wird.

Sie sind Beratungslehrerin in Wiener Pflichtschulen. Wie können Sie helfen?

Mobbing ist ein Ventil. Eine Schule, die wenig Übung im Umgang mit Konflikten hat, in der die Schülerinnen und Schüler wenig mitgestalten können und wo es einen hohen Konkurrenz- und Leistungsdruck gibt, ist daher ein guter Boden für Mobbing. Darin entladen sich Aggressionen, die sich innerhalb des Schulalltags aufgebaut haben. Ganz wichtig ist daher, Präventionsarbeit zu leisten.

Wie schaut diese Präventionsarbeit aus?

Zunächst einmal ist wichtig, dass Lehrende und Direktion ausreichend Information zum Thema Mobbing bekommen. Dieses Wissen kann dann an junge Menschen weitergegeben werden. Zu meinen Aufgaben gehört auch, Betroffene zu begleiten und Gespräche mit Eltern und anderen Erziehungsberechtigten zu führen. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen, Strafandrohungen oder Verharmlosung. Eine sinnvolle Intervention, die auch zu einer positiven Entwicklung innerhalb des Klassenverbandes führt, muss alle in eine Lösung einbeziehen.

Was können Lehrende und Eltern tun?

Präventiv wirkt alles, was eine gute Klassengemeinschaft entstehen lässt, sie fördert und sie stärkt. Es ist Aufgabe der Lehrenden, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Schule soll ein sicherer Lebensraum für junge Menschen sein, wo sie sich einbringen können und sich gegenseitig wertschätzen. Es muss ein vertrauensvolles Klima geschaffen und auf eine wertschätzende Sprache geachtet werden. Wenn sich dieses Bewusstsein im Alltag widerspiegelt, wird die Schule in einer Mobbing-Situation auch eine Lösung finden und rechtzeitig Expertinnen und Experten zuziehen.

Für Eltern gilt: Das Kind ernst nehmen, Verständnis zeigen und ruhig bleiben. Man sollte Rücksprache mit der Schule halten und bei Bedarf professionelle Hilfe holen. Wichtig ist, darüber zu reden. Das ist auch mein Tipp an Betroffene: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, kann ich mir Hilfe holen. Es gibt mittlerweile viele Anlaufstellen wie die Kinder- und Jugendanwaltschaft, wienXtra, safer internet, Schulpsychologie, Rat auf Draht. Mobbing ist mehr als ein dummer Streich. Jemanden im Netz zu beschimpfen oder Lügen zu verbreiten, kann strafbar sein. Eltern sollten sich auf jeden Fall an den Klassenvorstand oder an die Schulleitung wenden und darauf bestehen, dass etwas dagegen unternommen wird.

Zur Person

Andrea Buczko ist Medatorin beim Verein zur Förderung der Mediation speziell in Schulen und als Beratungslehrerin in Wiener Pflichtschulen eingesetzt.

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