Ursula Hemetek und Wei-ya Lin
Die Forscherinnen Ursula Hemetek (links) und Wei-ya Lin vom Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie machen musikalische Mehrsprachigkeit sichtbar. © Bohmann/Lukas Beck © Bohmann/Lukas Beck

Do you speak music?

Wer multi- oder bimusikalisch ist, kann sich in mehreren musikalischen Sprachen ausdrücken. Zwei Forscherinnen bringen dieses wenig beachtete Phänomen auf die wissenschaftliche Bühne.

Ursula Hemetek kann sich noch genau an den Moment vor 15 Jahren erinnern, der ihr Forschungsinteresse prägte. Als Professorin für Ethnomusikologie, einer Disziplin, die weltweit die klanglichen, kulturellen und sozialen Aspekte von Musik untersucht, fordert sie ihre Studierenden regelmäßig dazu auf, Impulsreferate zu halten. Eine Blockflötenstudentin namens Laura Bradley entschied sich für das Thema der traditionellen indischen Musik.

Musikalische Dialekte

Die junge Frau mit US-amerikanischen Wurzeln stellte sich vor die Klasse und begann zu sprechen. „Nach zwei Minuten waren wir alle völlig hin und weg“, erinnert sich ­Ursula Hemetek. „Sie hat von dieser Musik erzählt, als ob sie ihre eigene wäre.“ Es stellte sich heraus, dass Lauras Vater die indische Langhalslaute ­Sitar beherrschte und sie deshalb mit diesem Musikstil aufgewachsen war. Dass die Studentin mühelos zwischen der westeuropäischen klassischen Musik und dem komplizierten Raga-System der indischen Musik wechseln konnte, beeindruckte Hemetek. „Auch in der Musik gibt es verschiedene Dialekte und Sprachen mit unterschiedlicher Grammatik und Vokabular“, erklärt sie.

1817 eröffnet der italienisch-österreichische Komponist Antonio Salieri eine Singschule für zwölf SchülerInnen. © mdw/Michael Maritsch

Weltweite Unterschiede

Der Ansatz der Bi- oder Multimusikalität existiert in der Ethnomusikologie seit den 1960er-Jahren. Er wurde von Mantle Hood, einem Indonesien-Spezialisten aus den USA, propagiert. Wie genau musikalische Sprachen zu definieren sind, ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Uneinigkeit herrscht zum Beispiel darüber, ob jemand als bimusikalisch gilt, der mit österreichischer Volksmusik sozialisiert wurde und zusätzlich klassische Musik beherrscht.

Generell können weltweit jedoch unterschiedliche Tonsysteme, Tonintervalle, Akkorde und Rhythmen identifiziert werden. Während sich westliche Musik nach dem Quintenzirkel und dem Dur-Moll-System richtet, verwendet indische Musik beispielsweise völlig andere Tonskalen. „Das zu lernen, ist ein jahrelanger harter Prozess“, sagt die Ethnomusikologin.

Workshops über Indische Musik

Von diesem Impulsreferat inspiriert, ­begann Ursula Hemetek das Potenzial bimusikalischer Studierender und Lehrender in ihrem Unterricht an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien zu nützen. „Solche Personen können einen anderen Musikstil wesentlich besser und glaubhafter vermitteln als ich anhand von Videos.“ Wer zwei Sprachen beherrsche, wisse am besten, was andere brauchen, um zu verstehen. So organisierte sie beispielsweise Workshops über indische Musik, die ihre Studentin Laura Bradley gemeinsam mit deren Vater durchführte.

Vielfalt als Chance

Auch auf den theoretischen Unterricht wirkte sich Ursula Hemeteks Beschäftigung mit Bi- oder Multimusikalität aus. In einer Ringvorlesung wird regelmäßig über Transkulturalität im Zusammenhang mit Musik diskutiert. Die Wissenschafterin ist überzeugt, dass musikalische Mehrsprachigkeit zum respektvollen Umgang innerhalb einer Gesellschaft beitragen kann – auch an der Universität selbst. Aktuell stammen 47 Prozent der Studierenden sowie 19 ­Prozent des Lehr- und Verwaltungspersonals aus dem Ausland.

Neben Musiktheorie und Dirigieren werden auch Instrumentalstudien wie Tasten-, Saiten- oder Schlaginstrumente an der Universität für Musik und darstellende Kunst angeboten. © mdw/Martin Moravek

Dass sich laut der 2010 durchgeführten ersten Studie zum Thema 65 Prozent der Studierenden als bimusikalisch definierten, zeige die ­transkulturelle Verfasstheit der Universität. „Als ich vor 30 Jahren hier zu arbeiten begann, waren ausländische musikalische Einflüsse noch verpönt. Mittlerweile wird diese Vielfalt zum Glück als Chance gesehen.“ 

Bimusikalität wertschätzen

Auf diesem Gedanken basiert die aktuelle Studie zur Bimusikalität an der Universität für Musik und darstellende Kunst. Sie ist eine von zwei unterschiedlichen Forschungsarbeiten anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Institution. Während das Projekt „Gedächtnis­ort mdw“ den Wandel der Ausbildungsstätte dokumentiert, konzentriert sich Ursula Hemetek mit ihrer Kollegin Wei-ya Lin auf die Gegenwart. Anhand qualitativer Leitfadeninterviews und der Dokumentation musikalischer Auftritte der Personen wollen sie musikalische Mehrsprachigkeit und deren transkulturelles Potenzial sichtbar machen.

2016 überreichte Rektorin Ulrike Sych dem Startenor Plácido Domingo die internationale Ehrenmitgliedschaft für sein Engagement für die Förderung junger Talente. © Stephan Polzer

Grenzen überschreiten

Die Wissenschafterinnen hoffen, dass durch ihre Studie die Wertschätzung für die Fähigkeit der Bimusikalität weiterhin steigt. „Bevor unsere Studierenden aus aller Welt in diesen Vorzeigeort der westeuropäischen Kunstmusik eintreten, lassen sie ihre musikalischen Wurzeln meist wie ein Gepäckstück vor der Eingangstür“, sagt Hemetek. „Wir wollen jedoch wissen, was diese Menschen von draußen mitbringen, damit sowohl die Universität als auch sie selbst davon profitieren können.“ Ihre Kollegin Wei-ya Lin begrüßt, dass langsam über die Grenzen der klassischen Musik hinausgeblickt wird.

Sie selbst studierte hier 1998 das Konzertfach Bratsche. „Damals war es leider noch nicht möglich, sich in verschiedenen Stilen und Konzepten aus­zuprobieren“, bedauert die gebürtige Taiwanesin. Dabei sei es für Studierende wichtig herauszufinden, wie sie mit unter­schiedlichen musikalischen Konzepten umgehen können. Manche würden die Sprachen strikt trennen und auf zwei oder mehrere Instrumente verteilen, aber auch eine Verbindung sei reizvoll. „Wer alles, was aus einem hervorkommt, verschmilzt, entwickelt seine eigene Sprache und seinen individuellen Stil.“ Lin selbst spielt mittlerweile in der Band Neuschnee und verbindet dort klassische Musik mit modernen Mitteln der Popmusik.

Vorteilspartner CLUB WIEN

Video: SPIDER ROCK in der Donaumarina

Erfahren Sie mehr 29632

Donau Touristik

Seniorenaktion: CLUB WIEN-Mitglieder ab 60 Jahren erhalten 20 Prozent Ermäßigung bei der Tagesfahrt in die Wachau mit der MS Kaiserin Elisabeth!

Erfahren Sie mehr 31044

Theater HEUSCHRECK

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 1 Euro Ermäßigung beim Theater HEUSCHRECK!

Erfahren Sie mehr 31094

Gloria Theater

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 10 Prozent Ermäßigung im Gloria Theater!

Alle Vorteilspartner