HEUTE: Unterricht in einer Volksschule in der Donaustadt. SchülerInnen werden individuell gefördert. © Bohmann/Ulrich Sperl

 

Bildung im Wandel

Im Jahr 1919 hat in Wien eine Reform des Bildungsbereichs ihren Ausgang genommen. Die revolutionären Ideen von damals haben 100 Jahre Wiener Bildungsgeschichte stark geprägt. CLUB WIEN zeigt Lösungen für neue Herausforderungen.

Die Rahmenbedingungen des Jahres 1919 in Wien waren insbesondere für Kinder eine Katastrophe. „Viele Eltern haben die Kinder mehr noch als bisher als Arbeitskräfte gebraucht. Familien waren auf diesen ­Zuverdienst angewiesen“, erklärt Walter Kissling, Bildungswissenschafter an der Universität Wien, eine der Ursachen für das damals herrschende Bildungsgefälle zwischen armen und reichen Schichten. Kritischen Geistern war das Problem schon lange bewusst gewesen. Bereits in der Zeit der Monarchie hatte ein junger Volksschullehrer namens Otto Glöckel einschlägige Erfahrungen gesammelt. Kissling über Pionier Glöckel: „An der Übungsschule des Wiener Pädagogiums war er mit bürgerlichen Kindern konfrontiert, die sehr aufgeweckt und neugierig waren.“ Der Unterricht in einer Volksschule in einem Wiener Vorort zeigte ein anderes Bild. „Die Schulkinder waren ­apathisch und kaum zu motivieren.“ Die offensichtlichen Unterschiede in der Mentalität der SchülerInnen hatten ihre Gründe.

Das Recht auf Bildung für alle

Der Pädagoge Glöckel fand heraus, dass viele Kinder vor dem Unterricht Zeitungen, Lebensmittel oder Kohle austragen mussten. Was damals niemand ahnen konnte: Es war eine persönliche Erfahrung, die letztlich einen der wesentlichen Impulse für tief greifende Reformen ­bedeutete. Denn Glöckel war nicht nur Volksschullehrer, sondern auch politisch aktiv. Der Sozialdemokrat wurde 1919 ­erster Leiter des Unterrichtsressorts der Ersten Republik, allerdings nur kurzzeitig, weil die SozialistInnen im Jahr darauf aus der Regierung ausschieden. Er wechselte in die Wiener Stadtpolitik, wo unter der ­sozialdemokratischen Alleinregierung der Ära des Roten Wien ein massives ­Reformprogramm, das alle Lebensbereiche ­betraf, in Angriff genommen wurde. Was auf Bundesebene aufgrund der ­divergierenden inhaltlichen Ansätze der christlich-sozialen Regierung nicht mehr möglich war, sollte nun zumindest in Wien umgesetzt werden. Der fachlich ­versierte Glöckel wurde zu einer zentralen Figur der städtischen Schulreform. „Ziel der Wiener Bildungspolitik war, dass das Recht auf Bildung für alle auch von allen realisiert werden konnte“, sagt Kissling. Innerhalb weniger Jahre hat die Stadt­regierung ein Reformprogramm im Pflichtschulbereich auf die Beine gestellt, das bis heute ­nachwirkt. In einer von Klassendenken geprägten Gesellschaft gab es in dieser Hinsicht viel zu tun. Und es sollte kaum ein Stein auf dem anderen bleiben.

Pionierleistung Gratis-Schulbücher

Das ökonomische Gefälle zeigte sich nicht nur bei der Kinderarbeit, sondern auch bei der Versorgung mit Schulbüchern, Schreib- und Zeichenutensilien. Schulkinder aus einkommensschwachen Familien, die sich die nötigen Materialien nicht ­leisten konnten, borgten sich sogenannte Armenbücher aus. „Doch damit ­bekamen diese Kinder in den Klassen­zimmern ein Armen-Etikett“, sagt Kissling. Eines der Ziele der Wiener Schulreform in der Zeit des Roten Wien war daher eine Chancengleichheit durch die Lernmittelfreiheit. Diese Idee war nicht neu. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde über die ­Unentgeltlichkeit des Schulbesuchs ­diskutiert. Der Schulbesuch sollte allen ­Eltern so geringe Kosten wie nur möglich verursachen. Allein: Es mangelte am ­politischen Willen, der jedoch im Roten Wien ab dem Jahr 1919 vorhanden war. Inspiration bot damals die Stadt Basel, wo die Lernmittelfreiheit bereits früh umgesetzt worden war. Mit der Glöckel’schen Schulreform zog der Wiener Gemeinderat nach. Alle SchülerInnen der Wiener Pflichtschulen, egal aus welcher Schicht, bekamen fortan die Lehrbücher kostenlos zur Verfügung gestellt. „Damit wurde ein Pflock eingeschlagen, der bis heute wirksam ist“, bewertet Kissling die Tragweite der damaligen Entscheidung, die sich letztlich auch in der Schulbuchaktion der Kreisky-Ära widerspiegelte. Doch die Schulreform setzte auf allen Ebenen an – auch hinsichtlich der pädagogischen Konzepte.

 

Mut zu neuen Ideen

Der Ansatz lautete: weg von der Drillschule, hin zu einem selbstständigen und kreativen Lernen. Wilfried Göttlicher von der TU Dresden hat in den vergangenen Jahren als Bildungswissenschafter an der Universität Wien intensiv zum Bildungswesen der Ersten Republik geforscht. „Die grundlegende Idee war, dass die Kinder weniger einem direkten Unterricht ausgesetzt sind, in dem sie nur rezipierender Teil sind. Stattdessen sollte möglichst viel von dem stattfinden, was man heute als Projektunterricht bezeichnen würde.“ Um den Erfordernissen der Zeit Rechnung zu tragen, ging es um die Etablierung eines demokratischen Erziehungsstils, der eine Gemeinschaftsgesinnung transportiert. Die Bildungspolitik war ­geprägt von der Suche nach neuen ­Ansätzen auf allen Ebenen. Die Individualpsychologie des Arztes und Psychotherapeuten Alfred Adler, die das Individuum in den Mittelpunkt stellt, war einer der wichtigsten Einflüsse. Göttlicher: „In diesem Zusammenhang wurden zum Beispiel im Rahmen eines Schulversuchs schwierige Kinder gemeinsam mit den anderen Schulkindern unterrichtet, was damals sonst nicht üblich war.“ Doch auch hinsichtlich der Schulformen war die Wiener Bildungspolitik experimentierfreudig. So gab es in den Jahren zwischen 1922 und 1926 das Projekt der allgemeinen Mittelschule, die versuchsweise ­Einführung einer Schule für alle Zehn- bis 14-Jährigen. „Die 1927 entstandenen Hauptschulen, die in der Zweiten Republik zum Erfolgsmodell für das österreichische Schulwesen wurden, haben starke Züge dieser Mittelschule getragen.“

Die Rückkehr der Autoritäten

Mit der Machtergreifung durch die AustrofaschistInnen im Jahr 1934 war Schluss mit vielen progressiven Ideen in der Bildungspolitik. „Sie nahmen einen Großteil der Reformen zurück“, sagt Kissling. Auch die Lernmittelfreiheit für alle hatte ein Ende. „Man ging wieder dazu über, dass ärmere Schichten Anträge stellen mussten, um Unterstützung zu erhalten.“ Die Nazi-Diktatur ab dem Jahr 1938 tat ein Übriges, um das Autoritäre zurück in die Bildung zu holen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere in den 1960er-Jahren kam wieder nachhaltig Bewegung in die Bildungspolitik. Es war die Zeit der ersten Schulversuche, wie fremdsprachliche Vorschulungen in den allgemein bildenden Pflichtschulen Wiens ab dem Jahr 1962. Vier Jahre später hat es für Schulkinder der 1. Schulstufe erstmals verbale Beurteilungen statt Schulnoten gegeben. An die Idee der gleichen Bildungschancen für alle knüpften die bundesweiten Reformen der Kreisky-Ära an. Die Abschaffung der AHS-Aufnahme­prüfungen im Jahr 1971 gilt ebenso als Meilenstein wie die freie Schulfahrt in ­öffentlichen Verkehrsmitteln. 1972 kam es zur Einführung der Gratis-Schulbücher wie einst im Roten Wien. Und so erstaunlich es heute klingen mag: Der getrennte Unterricht für Mädchen und Buben wurde erst 1975 offiziell ab­geschafft.

Auf Herausforderungen reagieren

Mit den neuen Zeiten entstanden auch neue Herausforderungen, auf die es für die Bildungspolitik zu reagieren galt. „Mitte der 1970er-Jahre wurde in Form eines Schulversuchs erstmals muttersprachlicher Zusatzunterricht für Kinder jugoslawischer und türkischer Gastarbeiter angeboten. Zunächst im Hinblick auf eine mögliche Rückkehr der Familien, später zur Unterstützung im Erwerb der Zweitsprache Deutsch“, sagt Kissling über die ersten Versuche, um auf die sich verändernde Gesellschaft zu reagieren. „Wien hat heute mehr als die Hälfte der 400 in Österreich beschäftigten Lehre­rinnen und Lehrer zur Förderung der ­Erstsprache von Kindern mit Migrationshintergrund.“

Für ein durchlässiges Bildungssystem

Die jüngste und offensichtlichste Entwicklung in der Wiener Bildungspolitik sind die Bildungscampus-Standorte. Seit zehn Jahren setzt Wien auf die Vernetzung von Kindergarten-, Schul- und Freizeitpädagogik an zentralen Standorten. Zeitgemäße pädagogische Prinzipien wie die individuelle Förderung von Schulkindern, selbst organisiertes und offen gestaltetes Lernen, aber auch das Arbeiten in unterschiedlichen Gruppengrößen und Projekt­unterricht werden mit dem Wiener ­Bildungscampus-Modell forciert. Mit der Vernetzung wird insbesondere Entwicklungen Rechnung getragen, wie etwa dem hohen Anteil an Kindern, deren ­Muttersprache nicht Deutsch ist. Die Errichtung der neuen Standorte steht auch im Zusammenhang mit ­Stadtentwicklungsprojekten wie dem Sonnwendviertel oder der Seestadt Aspern. Kissling über die historischen Zusammenhänge: „Dieses Modell ist in ­einer langen Tradition der Wiener Schulpolitik zu sehen, die immer schon darum bemüht war, den Übergang zwischen ­Kindergarten und Schule, aber auch den Übergang zwischen Schultypen zu erleichtern. Es geht um ein durchlässiges Bildungssystem.“ Das Modell hat sich bewährt und wird nun stark ausgebaut. In den kommenden 15 Jahren wird die Stadt Wien 700 Millionen Euro in die Errichtung von neun neuen Bildungscampus-Standorten und einem Zentralgebäude für Berufsschulen investieren.

Vom Campus zum Bildungsgrätzl

In Wien arbeiten pädagogische Einrichtungen zunehmend zusammen. Beste Beispiele für die stärkere Vernetzung sind die Bildungscampus-Standorte und die Bildungsgrätzl. Das Bildungscampus-Modell ermöglicht seit dem Jahr 2009 eine neue Qualität im Bildungsbereich. An den Standorten wachsen Kindergarten-, Schul- und Freizeitpädagogik zusammen, um den Herausforderungen der Zeit besser begegnen zu können. „Das Modell sorgt dafür, dass Kinder unterschiedlichen Alters besser vernetzt sind“, erklärt Bildungsdirektor Heinrich Himmer. „Denn Kinder lernen voneinander und mit­­einander. Daher sind diese Schulgebäude in architektonischer Hinsicht auf diese Bedürfnisse ausgerichtet und bieten entsprechende Begegnungs­zonen.“ Im weiterentwickelten „Campus Plus“-Konzept wird die Vernetzung ausgebaut und das Miteinander stärker gefördert. Zusätzlich setzt die Stadt Wien mit den Bildungsgrätzln auf ein ähnliches Konzept, das in noch größeren Kategorien denkt. Alle Bildungseinrichtungen eines ganzen Stadtteils rücken näher zusammen. Kindergärten und Schulen ebenso wie Musikschulen, Bibliotheken, Vereine, aber auch Einrichtungen der Jugendarbeit und der Erwachsenenbildung bilden eine Einheit, um Lernen und Bildung im Stadtteil sichtbar zu machen. Der Ansatz lautet: Schule ist dort, wo Kinder etwas lernen.