Volkschuldirektorin Petra Feldhofer unterstützt die SchülerInnen beim Füttern der Fische in der Werkstatt. © Bohmann/Ulrich Sperl

 

Bildung im Grätzl stärken

Wenn sich Lerneinrichtungen in unmittelbarer Umgebung sinnvoll miteinander vernetzen, profitieren sowohl die Kinder als auch der Bezirk davon. CLUB WIEN hat sich in Schulen in der Josefstadt und in Kaisermühlen umgeschaut.

Wo hat man im achten Bezirk Platz zum Spielen? Gibt's ein Bankerl auf das man sich setzen und ein Buch lesen könnte? In welchem Park darf man Fußball spielen? Fragen wie diese beschäftigten die Schülerinnen und Schüler der Pfeilgasse im vergangenen Herbst. Drei Monate lang durchstreiften sie das Grätzl rund um ihre Schule, von der Josefstadt über den Gürtel bis zum Brunnenmarkt. Immer an ihrer Seite: Studierende des Instituts für Raumplanung der Technischen Universität Wien. Anlass für die ungewöhnliche Zusammenarbeit war das geplante Bildungsgrätzl Josefstadt und die Frage, wie es aussehen könnte.

Zusammenarbeit im Bezirk

Die Idee hinter einem Bildungsgrätzl ist ganz einfach: Lerneinrichtungen, die räumlich eng beieinander liegen, sollen besser vernetzt werden. Dazu gehören Schulen und Kindergärten, aber auch Musikschulen, Sportvereine, Büchereien und Jugendtreffs. Davon profitieren die Kinder, weil sie vielfältigere Angebote bekommen, aber auch das Grätzl, weil es belebter wird. Ein Kind, das im Grätzl zum Beispiel den Kindergarten besucht, geht in die Volksschule zum Malen und lernt sie so bereits vor dem Schuleintritt kennen. Zusätzlich vernetzen sich Lehrerinnen und Lehrer und Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen und tauschen sich über Lehrmethoden und - mit Zustimmung der Eltern - über die Bedürfnisse, Stärken und Schwächen der Kinder aus. Auch im Übergang in eine Berufsausbildung können Kooperationen im Bezirk hilfreich sein. Derzeit sind 13 Bildungsgrätzl in Wien geplant, wobei jedes an die Gegebenheiten des Bezirks angepasst ist. Das Bildungsgrätzl in der Josefstadt wurde Anfang Juni eröffnet. Beteiligt daran sind Volksschule und Neue Mittelschule in der Pfeilgasse sowie der angrenzende Hort und Kindergarten in der Josefstädter Straße 93-97. Lange wurden Ideen gesammelt, wohin die Reise gehen soll und welche Einrichtungen miteinbezogen werden können.

Auch der Beitrag der Schülerinnen und Schüler der Pfeilgasse ist miteingeflossen. Aus gutem Grund, wie Margit Prünner, eine der begleitenden Studierenden, erklärt. "Kinder sehen im öffentlichen Raum mehr, als man denkt. Sie machen sich über viele Dinge Gedanken, die Erwachsenen gar nicht bewusst sind." Daher wurde ein Projekt entwickelt, für das Alter und Sprachkompetenzen nicht ausschlaggebend sind. Das Ergebnis, darunter Stadtbilder und Karten aus der Perspektive der Kinder, war im Rahmen der Ausstellung "Zeig mir dein Grätzl" im Volkskundemuseum Wien zu sehen.

 

Ideen für die Josefstadt

Für die Schülerinnen und Schüler war es eine willkommene Abwechslung, wie Ion erzählt. "In unserer Forschungsgruppe hatten wir eine Liste mit Parks in der Hand und haben Pickerln zu jenen geklebt, in die wir am häufigsten gehen." Cindy wiederum hat mit ihrer Gruppe herausgefunden, wo es im Bezirk Wasser gibt, und Argjira hat Sprachen gezählt. Kein einfaches Unterfangen, wie Nataljia Pinter, Lehrerin in der Volksschule Pfeilgasse, erzählt. "Diese Gruppe ist oft nur zwei, drei Gassen weit gekommen und hat dafür stundenlang gebraucht, weil es in der Josefstadt so viele Sprachen in Form von Graffitis, Autostickern und im Vorbeigehen gehörten Worten gibt."

Forschen in Kaisermühlen

Wie ein Bildungsgrätzl funktionieren kann, zeigt jenes in Kaisermühlen. "Es gibt ausgezeichnete Kooperationen aller Bildungseinrichtungen", bestätigt Petra Feldhofer-Mahmoudian, Direktorin der Offenen Volksschule 22. Inhaltlicher Schwerpunkt ist die Förderung von mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenzen, unter anderem im Rahmen einer gemeinsamen Forscherinnen und Forscher-Werkstatt. Damit sollen Kinder im Bezirk ohne große Hürden für Wissenschaft begeistert werden. Das Projekt wurde 2017 gestartet und ist heute ein beliebter Treffpunkt. Die Schülerinnen und Schüler bringen gemeinsam mit Kindern aus der Umgebung Lampen mit Batterie und Kabel zum Leuchten. Oder dokumentieren das Wachstum von Fischen, die mit unterschiedlichem Futter versorgt werden. Gelernt werde gemeinsam, erzählt Lea: "Vor ein paar Tagen waren Kindergartenkinder bei uns in der Werkstatt. Wir haben ihnen mit Holzklötzen erklärt, wie Plus und Minus funktionieren." Schulsprecher Tobias ergänzt: "Und sie haben gelernt, wie man an der Oberfläche erkennt, wann die Unterseite einer Holzscheibe ins Wasser gelegt wurde."

Eigenständigkeit stärken

Einen vorgegebenen Stundenplan gibt es an der Volksschule übrigens nicht, sagt Feldhofer-Mahmoudian. "Im Schulparlament wird alles gemeinsam entschieden, was im nächsten Schuljahr gelehrt wird, ebenso wie der tägliche Speiseplan." Alle Vorschläge werden zusammen mit einem Pädagogikteam in einen Schulplan gegossen. Ziel ist, die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung der Kinder zu stärken. Volksschullehrer Stephan Ulfer: "Wir sagen ihnen nicht, wie etwas funktioniert, sondern sehen und als Begleitung."