Omid B. verrichtet in der Bike Kitchen Favorita gemeinnützige Arbeit. Hier arbeitet er an der Bremsanlage eines Fahrrads. © Bohmann/Andrew Rinkhy

 

Eine Fahrradküche für alle

Die Bike Kitchen Favorita ist vieles: eine Selbsthilfewerkstatt, in der HobbybastlerInnen alleine oder unter professioneller Anleitung an ihren Fahrrädern schrauben können und ein Sozialunternehmen, in dem AsylwerberInnen gemeinnützige Tätigkeit leisten.

Der imposante Jugendstilbau in der Laxenburger Straße in Favoriten hat eine bewegte Vergangenheit. Das ehemalige Arbeiterheim beherbergte Ballsäle und den größten Kinosaal Wiens, später diente es als Hotel. Anfang des Jahres wurde das Haus einer neuen Bestimmung zugeführt. Nachdem es von Obdach Wien, einer Tochter des Fonds Soziales Wien, renoviert worden ist, soll es Wohnungslosen und Asylwerberinnen und Asylwerbern ein Dach über dem Kopf bieten. Ebenerdig befindet sich mit der Bike Kitchen Favorita ein Geschäft, in dem sich alles um das Fahrrad dreht. Dort, wo sich einst die Rezeption des Hotels befunden hat, wird Zubehör aller Art angeboten. Im hinteren Bereich befindet sich eine Werkstatt, in der reges Treiben herrscht. An mehreren Drahteseln wird parallel geschraubt.

 

Selbsthilfewerkstatt mit allem Drum und Dran

Eine Kundin nutzt Räumlichkeiten und Werkzeug der Selbsthilfewerkstatt, um ihren fahrbaren Untersatz wieder auf Vordermann zu bringen. Benötigt sie Hilfe, kann sie einen der an den anderen Werkbänken tätigen Monteure darum bitten. Diese stehen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Das Besondere: Sie sind Asylwerber, die hier gemeinnützige Tätigkeit leisten. Denn neben der Möglichkeit, die Selbsthilfewerkstatt mit allem Drum und Dran zu nutzen, bietet die Bike Kitchen Favorita auch die professionelle Reparatur von Fahrrädern. Außerdem können neben Neuware wie Fahrradschlössern gebrauchte Ersatzteile gegen eine Spende erworben werden.

Besseres Deutsch durch KundInnenkontakt

"Angeleitet werden die Monteure von zwei Fahrradtechnikern, wobei einer von ihnen auch eine Ausbildung als 'Deutsch als Fremdsprache'-Trainer hat", erklärt Stefan Höfer, Teamleiter der Bike Kitchen. Die Flüchtlinge lernen hier eben nicht nur technische Fertigkeiten. Nicht zuletzt durch den Kontakt mit Kundinnen und Kunden verbessern sie nämlich auch ihr Deutsch. Und noch einen Effekt hat die Arbeit hier: "Sie bekommen Einblick, wie es im österreichischen Arbeitsalltag zugeht. Man muss hier selbst Zeitaufzeichnungen führen, pünktlich sein. Wir bereiten auf den Arbeitsmarkt vor", so Höfer. "Hier kommen sie in Kontakt mit den Wienerinnen und Wienern, gerade in der Selbsthilfewerkstatt. Das fördert den Austausch und man fühlt sich auch ein bisschen mehr in der Gesellschaft angekommen."

Dadurch, dass die Asylwerber stetig ihr Fachwissen ausbauen und an die Kundinnen und Kunden weitergeben, werden sie als Experten wahrgenommen. Das wiederum stärkt das Selbstvertrauen. Dabei müssen sie sich nicht in der Werkstatt verstecken: "Vorne im Shop sind Leute im Einsatz, die Freude am Kundinnen- und Kundengespräch haben und im Verkauf etwas lernen wollen. Und sie kommen mit Lager und Buchhaltung in Berührung."

Fahrrad immer schon selbst repariert

Omid B. ist einer der acht Monteure der Fahrradküche. Der 21-Jährige stammt ursprünglich aus Afghanistan und lebt seit über drei Jahren in Wien. Zur Bike Kitchen ist er auf Empfehlung seiner Beraterin bei der Volkshilfe gekommen. "Nachdem ich meinen Pflichtschulabschluss absolviert habe, habe ich mich auf die Suche nach einem Job gemacht", erzählt er in fehlerfreiem Deutsch, während er an einem Fahrrad arbeitet. "Ich wollte eine Beschäftigung haben, weil mir zu Hause so fad war. Ich interessiere mich sehr für technische Sachen. Am allerliebsten möchte ich in Zukunft im Bereich Auto-Tuning arbeiten. Dafür muss ich eine Kfz-Lehre machen."

Seine Tätigkeit gefällt ihm sehr und sie wird ihm auch bei der Suche nach einer Lehrstelle zugute kommen, hofft er. Sich einzuarbeiten, fiel ihm leicht: "Ein bisschen etwas konnte ich schon, weil ich mein Fahrrad seit meiner Kindheit selbst repariert habe. Der technische Bereich entwickelt sich immer weiter. Ich hatte früher zum Beispiel keine Gangschaltung. Aber da lerne ich dauernd dazu."

Die Bike Kitchen Favorita ist ein Social Business, auf Deutsch "Sozialunternehmen", bei dem nicht der Gewinn, sondern die Lösung gesellschaftlicher Probleme im Vordergrund steht. Seinen Ursprung hat das Geschäft in Favoriten in der Refugee Bike Kitchen im ehemaligen Geriatriezentrum Am Wienerwald in Lainz. Dort wurde das Projekt 2015 gestartet, um Flüchtlingen einerseits eine sinnvolle Beschäftigung zu bieten, während sie auf ihr Asylverfahren warten. Andererseits sollte es ihnen ermöglicht werden, sich in Wien fortbewegen zu können. "Schon in der ersten Zeit waren Flüchtlinge darauf angewiesen, in Wien mobil zu sein, hatten aber kein Geld, sich Fahrscheine zu leisten", erklärt Stefan Höfer.

Austausch als Bereicherung

In Lainz wurden gespendete Drahtesel wieder instand gesetzt und den Asylwerberinnen und Asylwerbern zur Verfügung gestellt. Außerdem gab es eine Selbsthilfewerkstatt, die sich großer Beliebtheit erfreute. Klar, dass auch am neuen Standort in der Laxenburger Straße, dem Obdach Favorita, eine Bike Kitchen eingerichtet werden sollte. Nur dass das Angebot eben ausgebaut wurde: Drei Mal in der Woche können Wienerinnen und Wiener ihr Fahrrad zu marktüblichen Preisen reparieren lassen, die Selbsthilfewerkstatt wird nach wie vor an einem Tag in der Woche geführt.

Wer gerne selbst Hand an sein Zweirad anlegt, sich mit Flüchtlingen unterhält und Austausch als Bereicherung empfindet, ist hier an der richtigen Adresse. Auch Nachhaltigkeit spielt eine Rolle. Außerdem ist eine Reparatur oft günstiger als ein Neukauf. Nicht zu vergessen, dass damit auch ein Social Business unterstützt wird. Omid B. sieht die Bike Kitchen Favorita jedenfalls als Gewinn und als Chance: "Ich hoffe, dass es davon mehr gibt, dass sich alle Asylwerberinnen und Asylbewerber beschäftigen können. Ich finde diese Gelegenheit sehr, sehr gut."

Infos zur Bike Kitchen Favorita

Die Selbsthilfewerkstatt mit Unterstützung durch das Team hat jeden Montag von 15 bis 19 Uhr geöffnet. Da gibt es auch gebrauchte Ersatzteile gegen eine Spende. Das Bike Service mit Servicierung und Reparaturen nach Wunsch der Kundinnen und Kunden sowie der Shop für Ersatzteile zu marktüblichen Preisen sind Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Im Juni gibt es als Eröffnungsaktion 50 Prozent auf Arbeitszeit. Anmeldung ist nicht nötig.

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