In diesem Haus in Heiligenstadt suchte Ludwig van Beethoven ab 1802 Zuflucht und hoffte auf Linderung seines Hörleidens. © Wien Museum

 

Beethoven in Heiligenstadt

Weil sich Ludwig van Beethoven dort Heilung von seinem Gehörleiden versprach, suchte er in Heiligenstadt Zuflucht. Hier verfasste er entscheidende Werke und das "Heiligenstädter Testament". CLUB WIEN hat einen Blick ins örtliche Beethoven Museum geworfen.

Wenn heuer anlässlich Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag dessen Leben und Werk genauer betrachtet werden, so kommt seiner Zeit in Wien besondere Bedeutung zu. 1787 kam der Komponist und spätere Vollender der Klassik erstmals in die Stadt, um bei Mozart zu studieren, ab 1792 lebte er permanent hier. Drei Wohnungen, die eng mit Beethoven verbunden sind, gehören schon seit Langem zu den Standorten des Wien Museums. Seit 2017 beheimatet das Haus in der Probusgasse 6 in Heiligenstadt auf rund 250 Quadratmetern Ausstellungsfläche ein eigenes Beethoven Museum.

Bis dahin befand sich in dem 1970 von der Stadt Wien erworbenen ehemaligen Bäckerhaus eine Gedenkstätte mit drei Räumen auf 45 Quadratmetern. Doch warum gerade dieses Haus? Hier machte er erstmals Sommerfrische. Hier schrieb er Fragmente zu einem seiner bekanntesten Werke, der "Eroica". Und hier verfasste er das "Heiligenstädter Testament", einen an seine Brüder gerichteten, jedoch nie abgesandten Brief. Aber der Reihe nach.

 

Schlechter Gesundheitszustand

Im April 1802 übersiedelte Beethoven nach Heiligenstadt, einem kleinen Wein- und Thermenort mit damals schwefelhaltiger Quelle am Fuß von Kahlen- und Leopoldsberg. Der Grund dafür war gesundheitlicher Natur: "Beethoven konsultierte wegen vieler Leiden sein Leben lang unterschiedliche Ärzte", erklärt Lisa Noggler-Gürtler, Kuratorin des Wien Museums. "Zu viel Arbeit, zu wenig Wertschätzung, Sorgen um ein gutes Auskommen, eine verlorene oder nicht erwiderte Liebe. Dazu die zunehmende Verschlechterung seiner Hörfähigkeit und ein hoher Erwartungsdruck an sich selbst. Das sind mögliche Gründe für den schlechter werdenden Gesundheitszustand des 31-jährigen Beethoven Ende 1801." Sein ihn über Jahre behandelnder Arzt riet Beethoven 1802, sich mindestens für ein halbes Jahr aus Wien zurückzuziehen. Er sollte sich auf dem Land von Lärm und der Hektik der Stadt in Harmonie mit der Natur erholen. Eine Anweisung, welcher der sonst für seine Starrköpfigkeit bekannte Komponist Folge leistete.

Ausgedehnte Wanderungen und Spaziergänge in der Umgebung, die das Bild Beethovens nachhaltig prägen sollten, wirkten sich positiv aus. Der Komponist erholte sich tatsächlich gut, schrieb in dieser Zeit die Sturm-Sonate und erste Skizzen für die 3. Symphonie, die bereits erwähnte "Eroica".

Status einer Reliquie

Am Ende seines ersten Aufenthalts in Heiligenstadt verfasste Ludwig van Beethoven einen Brief an seine Brüder, den er nie abschicken, der aber enorme Wirkung entfalten sollte. Er bewahrte ihn sein Leben lang auf. "Dieses sogenannte 'Heiligenstädter Testament' gehört zu den wichtigsten authentischen Quellen Beethovens und erlangte im Laufe der Jahre nahezu den Status einer Reliquie", so Noggler-Gürtler. "Mit einer Klage über die fortschreitende Taubheit beginnend, seiner schicksalshaften und folgenschweren Krankheit, versucht Beethoven seine Menschenscheu zu erklären. Der zweiteilige Brief wechselt zwischen Realität, Dichtung und Zukunftsvorstellungen. Beethoven erkundete und offenbarte in dieser Zeit ungeahnte musikalische Welten, die er zwar zunehmend nicht mehr hören, sich sehr wohl aber vorstellen konnte." Das "Heiligenstädter Testament" ist neben zahlreichen Briefen, Konversationsheften, Skizzenbüchern und jeder Menge Tonbeispielen im Beethoven Museum zu sehen.

Im Museum in Heiligenstadt wird auch vermittelt, wie Musik zu Beethovens Zeit überhaupt erlebt und wahrgenommen wurde. Als er 1792 als junger Mann nach Wien kam, gab es noch keine Konzertsäle im heutigen Sinne. "Der alte Adel leistete sich kleinere Ensembles, Konzerte fanden in höfischer Tradition für geladene Gäste in den Palais statt", weiß Lisa Noggler-Gürtler. "Die damaligen Instrumente klangen anders als heute und die Konzerträume waren viel kleiner. Die Musik, die Beethoven komponierte, wirkte dementsprechend lauter. Im Vergleich müsste einem Konzert mit 35 Musikern im alten Universitätssaal zu Beethovens Zeit heute in der Berliner Philharmonie ein Orchester von 1.000 Musikern gegenüberstehen."

Sechs Kapitel, Hof und Garten

Das Museum selbst ist in sechs Bereiche, sogenannte "Kapitel", im Inneren sowie Hof und Garten aufgeteilt. "Ankommen" heißt das erste Kapitel. Hier geht es um Beethovens Übersiedelung nach Wien, die ja vorerst nur zu Studienzwecken geplant war, und sein geistiges "Gepäck": ein humanistisches Weltbild, geprägt von seiner liberalen Geburtsstadt Bonn. Er bewunderte Napoleon und las Schiller sowie Kant. Der Abschnitt "Erholen" thematisiert den ersten Aufenthalt im Kurbad Heiligenstadt und Beethovens Zuwendung zur Natur. Der Bereich "Komponieren" ist in jenem Teil des Hauses in der Probusgasse angesiedelt, wo Beethoven tatsächlich gewohnt hat. Hier bekommt man Einblick in seine Briefe, Konversationshefte und Skizzenbücher, aber auch in seine Art, Musik zu schreiben. Ein Raum widmet sich ausschließlich dem "Heiligenstädter Testament."

In "Verdienen" geht es um sein Publikum, dem Wandeln zwischen bürgerlichen und adeligen Welten, seiner Bewunderung für Napoleon, um die sogenannte "unsterbliche Geliebte" und seine adeligen Auftraggeber. "Aufführen" widmet sich ganz der Aufführungspraxis der damaligen Zeit. "Vermachen" schließlich beschäftigt sich mit dem Tod Beethovens und seiner Rezeptionsgeschichte. "Das Museum ist interaktiv inszeniert, arbeitet mit starken Bildern und bietet viele Hörbeispiele", so Noggler-Gürtler. Ein Ausflug ins Beethoven Museum lohnt sich jedenfalls und lässt sich mit Spaziergängen und kleinen Wanderungen in der näheren Umgebung verbinden. Wanderwege auf den Spuren Beethovens sind bis heute nicht umsonst beliebte Routen für Ausflüglerinnen und Ausflügler.