Stadträtin Andrea Reimer will das kanadische Vancouver bis 2020 zur grünsten Stadt der Welt machen. © Andrea Reimer

Vancouver will grünste Stadt der Welt werden

Bis 2020 will die kanadische Metropole dieses ehrgeizige Ziel erreichen. Treibende Kraft dahinter ist Andrea Reimer, Stadträtin in Vancouver. CLUB WIEN hat sie zum Interview gebeten.

Andrea Reimer kümmert sich um die städtischen Belange von Vancouver im Südwesten Kanadas. In dieser Position ist sie für die Umsetzung eines ehrgeizigen Plans verantwortlich. Bis 2020 will die kanadische Stadt zur grünsten der Welt werden. Sie ist auf dem besten Weg dahin, rangiert Vancouver doch laut Economist Intelligence Unit bereits auf Rang drei beziehungsweise laut Global Green Index auf Rang vier. Dabei ist die Stadt mit gut 115 Quadratkilometern gerade einmal so groß wie die Wiener Bezirke Meidling, Hietzing, Penzing, Rudolfsheim-Fünfhaus und Liesing zusammen. 631.000 Menschen - ein Drittel der Bevölkerung Wiens - leben in Vancouver, die Pro-Kopf-Dichte ist allerdings höher.

Im Rahmen der Urban Future Global Conference, die von 28. Februar bis 2. März 2018 in Wien stattfindet, wird Andrea Reimer als Rednerin auftreten. Im Interview mit CLUB WIEN erzählt sie von mütterlichen Gefühlen gegenüber dem Projekt, von großen Städten in kleinen Ländern und schwärmt von ihrer Wiener Lieblingsspeise.

CLUB WIEN: Wenn Sie an Vancouver von vor 15 Jahren denken: Was hat sich in Sachen Nachhaltigkeit am meisten verändert?

Andrea Reimer: Alles hat sich verändert, vor allem das Verantwortungsbewusstsein. Es sind nämlich nicht nur die Fahrradwege, von denen es jetzt viele gibt. Vor fünfzehn Jahren gab es keine Fahrradverleihsysteme, kein Carsharing, keine öffentlichen Trinkwasserbrunnen auf den Straßen, keine Gemeinschaftsgärten. Inzwischen hat sich vor allem die Erwartungshaltung der Menschen geändert. Vor zehn Jahren, als wir anfingen, fragten sogar umweltbewusste Leute, warum wir auch nur versuchen, die grünste Stadt der Welt zu werden. Jetzt fragen sie, warum wir noch nicht fertig sind, warum wir noch nicht die grünste Stadt der Welt sind.

Sie haben es bereits angesprochen: Vancouver hat sich zur Aufgabe gemacht, bis 2020 die grünste Stadt der Welt zu werden. 2011 wurde schließlich der "Greenest City Action Plan" (auf Deutsch etwa "Grünste Stadt Handlungsplan") ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

Wir haben uns diese Ziele bereits 2009 gesetzt. Den Plan zu gestalten, dauerte noch einmal zwei Jahre. Es ist ja ein sehr umfangreiches Programm mit zehn Punkten und 17 Zielen. Diese reichen von umweltgerechter Wirtschaftlichkeit bis zu freiem Zugang zur Natur für alle. Damals hatten wir eine generell umweltfeindliche Regierung, die allerdings eine tolle Sache einführte, nämlich die CO2-Steuer. Aber alle anderen Themen wurden vernachlässigt, seien es Klima, Abfall, Wasser oder Natur - allesamt Dinge, die der "Greenest City Action Plan" im Auge hat. Es zeigt auch, was Städte bewegen können. Es zeigt, wie erfolgreich eine Stadt sein und öffentliche Unterstützung aufbauen kann.

Wie viele Ziele des Plans haben Sie bisher bereits erreicht?

Wir haben drei von 17 erreicht. Eines davon ist, wie sich herausstellte, unmöglich, bis 2020 zu erreichen. Das betrifft die Reduktion der Treibhausgase. Auf nationaler Ebene wurden die Schadstoffe nicht weniger, sondern mehr, das beeinflusste auch die Ausstöße in unserem Gebiet. Das bleibt eine Herausforderung. Von einem weiteren Ziel wissen wir, dass wir es zwar zu diesem Zeitpunkt nicht schaffen werden, aber dass wir sehr nah dran sind, nämlich 2023. Da geht es um den reinen Kohlenstoffanteil in der Luft. Bei den übrigen Zielen sind wir auf Kurs, die werden wir bis 2020 erreichen.

Sie sind die verantwortliche Stadträtin für den "Greenest City Action Plan" von Vancouver. Vor welche Herausforderungen stellt Sie das?

Am Anfang fühlte ich mich wie die Mutter eines Neugeborenen. Das Baby braucht dich für alles, 100 Prozent der Zeit. Jetzt fühle ich mich eher wie die Mutter eines Zehnjährigen. Er braucht mich nicht mehr wirklich. Alles ist sehr harmonisch, er zeigt sich sehr fähig und erledigt Sachen. Gelegentlich gibt es Probleme, wenn ich versuche das Programm voranzutreiben. Aber im Allgemeinen haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Projekt zu einem großen Teil zu ihrem gemacht - ebenso die Bürgerinnen und Bürger.

Das ist auch der Hauptgrund des Erfolgs: dass sich die Einwohnerinnen und Einwohner mit dem Plan sehr verbunden fühlen. Der Gedanke, zur grünsten Stadt zu werden, ist ihnen sehr wichtig, hier in Vancouver. Sie kämpfen gegen Dinge, die sie als Bedrohung empfinden, und sie kämpfen für Dinge, mithilfe derer sie glauben, ihre Ziele besser erreichen zu können.

2017 führte Wien zum achten Mal in Folge die Mercer-Liste der lebenswertesten Städte der Welt an. Dieser Reihung zufolge ist Vancouver auf dem fünften Platz. Auch in anderen Listen gehören diese beiden Städte immer zu den lebenswertesten. Was macht eine Stadt überhaupt lebenswert?

Als ich vor einem Jahr in Wien war, fühlte ich mich zeitweise wie zu Hause. Das ist interessant, kommt man doch in ein anderes Klima, eine andere Kultur. Lebensqualität besteht für mich vor allem darin, wie man sich fühlt, wenn man eine Straße entlanggeht. Das fängt damit an, ob man sich mit der Größenordnung der Gebäude und dem jeweiligen Ort wohlfühlt. Ob Menschen unterwegs sind, nicht in überwältigendem Ausmaß, aber auch nicht so, als befände man sich in einem Zombie-Film, wo kein Leben mehr herrscht. Wichtig ist, dass es so etwas wie Gemeinschaft gibt. Dass Leute einkaufen, Kinder spielen, dass es ältere Menschen gibt, Haustiere, dass sportliche Aktivitäten stattfinden.

Wie sieht die Stadt der Zukunft allgemein aus?

Ich glaube, Vancouver repräsentiert einige der Vorstellungen von der Stadt der Zukunft. Die Natur, die uns umgibt, ist fantastisch. Der ehemalige Bürgermeister von Bogotá hat einmal zu mir gesagt: "Gott hat Vancouver zu 99 Prozent errichtet. Wir müssen nur darauf achten, dass wir das restliche eine Prozent nicht vermasseln." Er hat recht, es ist wirklich eine wunderschöne Stadt. Aber auch davon abgesehen sprüht sie vor Leben. Es gibt hier auch diese nordamerikanische Mentalität, dass jede und jeder erfolgreich sein kann, ungeachtet von Stand und Geschichte.

Multikulturalismus und Migration machen Städte der Zukunft ebenfalls aus. Die Städte werden voller Menschen unterschiedlichster Hautfarbe sein, die sich auch nicht darum kümmern, welche Hautfarbe man hat oder woher man kommt. Wichtig ist, was man jetzt hier tut.

Was haben Wien und Vancouver gemein?

Mein Eindruck war, dass beide die Herausforderung eines großen Nachbarn zu bewältigen haben: einerseits Deutschland, andererseits die USA. Das erzeugt eine gewisse Einstellung in den großen Städten der kleineren Länder. Das betrifft weniger die jeweiligen Nationen an sich. Wie sollen wir Kanadier zum Beispiel ein besseres Sportprogramm als die Amerikaner auf die Beine stellen? Ihre Bevölkerung ist zehn Mal so groß! Aber unsere Städte können konkurrieren.

Sowohl in Wien als auch in Vancouver konnte ich auf der Straße das gleiche Phänomen feststellen: große Stadt, kleines Land. In Wien wird darüber hinaus sehr viel Augenmerk auf öffentlichen Raum, Museen und Galerien gelegt. Es wird sehr darauf geachtet, dass die Bevölkerung Zugang zu Kultur hat. Was mich auch sehr an Vancouver erinnert ist, wie sehr die Leute Kaffee mögen. Das ist hier genauso.

Kaffee ist oft ein Lebensretter. Das führt zur nächsten und abschließenden Frage: Haben Sie eine Wiener Lieblingsspeise?

Die große Herausforderung für mich: Ich esse kein Fleisch. Ich esse zwar Fisch, aber eben kein Fleisch. Deswegen fand ich es sehr schwer, in Wien etwas zu essen zu finden. Ich habe Gemüse gegessen, aber es scheint nicht üblich, vegetarische Mahlzeiten mit genügend Proteinen und dergleichen anzubieten. Ein Freund machte mich aber mit der geräucherten Forelle bekannt. Das war so köstlich. Das war gegen Ende meines Aufenthalts, und ich sehnte mich nach ein paar Proteinen. Das mochte ich sehr, daran erinnere ich mich sehr gut.

Urban Future Global Conference

Die Urban Future Global Conference findet von 28. Februar bis 2. März 2018 in der Messe Wien statt. Andrea Reimer spricht am 28. Februar um 11.00 Uhr und am 1. März um 16.00 Uhr.

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