Mit den richtigen Pflanzen verwandeln Sie Ihren Garten, Balkon oder Ihre Terrasse in Nu in ein Paradies für Bienen, Schmetterlinge, Käfer und Co. Beispielsweise der Natternkopf – die Blume ist nicht nur schön und blüht sehr lange, sie ist auch dank ihrer vielen Blüten ein absoluter Hummelmagnet. © Ferdinand Schmeller

 

Kleine Tierchen, die Großes bewirken

Spinnen, Käfer, Ameisen und Co sind für viele lästiges Ungeziefer. Dabei sind sie für das Bestehen unseres Ökosystems unersetzlich und leisten obendrein lebensnotwendige Dienste für uns Menschen. CLUB WIEN zeigt, wie Insekten gefördert werden können.

Schon Albert Einstein soll 1949 gewarnt haben: "Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr." Klingt furchtbar, doch Fakt ist: Durch die Verwendung von Pestiziden und die zunehmende Industrialisierung schwindet nach und nach der Lebensraum von so vielen großen, aber vor allem auch kleinen Lebewesen. Als Gegenbewegung gab es in den letzten Jahren einen wahren Imkerei-Boom. Auf Dächern, Balkonen, Terrassen oder einfach im Garten oder im Wald werden Bienenstöcke aufgestellt und neue Lebensräume für Honigbienen geschaffen. Was viele aber nicht wissen: Nicht nur Honigbienen, sondern vor allem Wildbienen bestäuben die Pflanzen und sorgen so für die Vielfalt und das Überleben unzähliger Wildpflanzen. Wildbienen benötigen Nektar und Pollen für ihre eigene Versorgung und sind ungemein eifrige Blütenbesucher. Dabei tragen sie Blütenpollen von einer Blüte zur anderen und befruchten Pflanzen quasi nebenher. Wildlebende Insekten erreichen dabei mit der gleichen Zahl von Blütenbesuchen einen doppelt so hohen Fruchtansatz wie Honigbienen. Auch Schmetterlinge, Fliegen, Wespen und Käfer leisten einen enormen Beitrag. "Insekten haben viele Aufgaben im Ökosystem wie die Bestäubung. Sie sind aber auch Nahrungsquelle für Vögel, Säuger und Reptilien, zersetzen organische und anorganische Stoffen wie beispielsweise Kot oder Tierkadaver und sind daher eine Art 'Gesundheitspolizei' der Natur", erklärt Harald Gross von der Wiener Umweltschutzabteilung. Während die einen Insekten Pflanzen bestäuben, sorgen die anderen für Ordnung und schaffen neue Lebensräume für Bakterien, Pilze und andere Lebewesen. Insekten und ihre Larven sorgen auch dafür, dass unser Trinkwasser sauber bleibt. Sie speichern wichtige Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor im Boden, die unser Grundwasser sonst verschmutzen würden. Und, und, und - jedes Insekt hat seine eigene Aufgabe und seinen eigenen Nutzen für den Kreislauf des Ökosystems. Deshalb heißt es, unsere kleinen Mitbewohner zu schützen.

Die Stadt Wien – Umweltschutz hat sieben Punkte für Insekten zusammengestellt, die zur Insektenförderung beitragen. Sie wollen Menschen so den richtigen Umgang mit diesen Tieren näherbringen. Was hinter den sieben Punkten steckt, darüber klärt der CLUB WIEN auf.

 

Sieben Punkte für Insekten

Für die Biodiversität einer Stadt sind Insekten wesentlich. Deshalb hat die Stadt Wien – Umweltschutz sieben Punkte formuliert, die aktiv zur Förderung von Vielfalt und Anzahl an Insekten in der Stadt beitragen. Diese sind ebenso Grundlage für Aktivitäten der Stadt wie auch Anregungen für alle Bürgerinnen und Bürger, wie sie im privaten Bereich Bienen, Faltern, Käfern und Co das Leben erleichtern und sie dadurch unterstützen können.

  • Bewusstseinsbildung
  • Schutzgebiete als Lebensraum
  • Schutzprogramme der Stadt
  • naturnahe Grünräume
  • nachhaltige Ernährung
  • Gebäudebegrünungen
  • Pestizidminimierung

Bewusstseinsbildung

Wussten Sie, dass es alleine in Wien 456 verschiedene Wildbienen und 100 Tagfalterarten gibt? Wussten Sie auch, dass nur die Honigbiene Honig gibt? Oder dass fast alle Wildbienen Einzelgänger sind und nicht in einem Bienenstock leben? Zusammen mit Käfern, Schmetterlingen und anderen blütenliebenden Insekten sind Bienen wichtige Bestäuber von Kulturpflanzen wie Obst und Gemüse. Darüber hinaus sichert Insektenreichtum das Überleben zahlreicher Vögel, Amphibien, Reptilien und Kleinsäuger, denen sie als Futter dienen. Fledermäuse und Frösche erweisen sich dabei zugleich als natürlicher Gelsenstopp! Eine Fledermaus verspeist in einem Sommer bis zu einem Kilogramm der fliegenden Quälgeister, und so erweisen sich selbst die nervigsten Insekten als ein wichtiges Bindeglied im Kreislauf der Natur.

Ganz nach dem Motto "Nur, wer weiß, wie Insekten leben, kann sie auch fördern" ist der MA 22 besonders wichtig, Menschen über Insekten und deren Leben aufzuklären. Deshalb bietet die Umweltschutzabteilung für Kindergärten und Schulen Führungen ins Stadtgrün an, um schon die Kleinen auf die Artenvielfalt in der Stadt aufmerksam zu machen. Bei Veranstaltungen gibt es auch oft einen Insektenschwerpunkt.

Schutzgebiete als Lebensraum

Schutzgebiete sind Rückzugsorte für viele besondere Arten. Denn gerade in einer Zeit, in der es vorwiegend darum geht, schneller, großer und höher zu bauen, bleiben viele Lebewesen und ihre Lebensräume auf der Strecke. Oder besser gesagt: Sie verlieren ihren Lebensraum. Deshalb ist enorm wichtig, für diese Lebewesen notwendige Schutzmaßnahmen festzulegen. Dazu zählen Eingriffsverbote, Bewilligungspflichten sowie spezielle Pflege- und Bewirtschaftungsmaßnahmen.

Unter Schutz gestellt werden vor allem Gebiete, die reich an naturnahen Lebensräumen, seltenen Arten oder besondere Kulturlandschaften sind. Dazu zählen zum Beispiel die Donau-Auen, der Lainzer Tiergarten, das Landschaftsschutzgebiet Liesing und andere Schutzgebiete in den Wäldern und Weingärten Wiens.

Ein Tierchen, das von diesem Schutzprogramm profitiert, ist der Alpenbock. Seit Anfang Juli ist er im Lainzer Tiergarten zu sehen. Doch anders als gedacht trifft man bei ihm nicht auf einen Ziegenbock oder ein Schaf, sondern auf einen knapp vier Zentimeter großen Käfer, dessen Zeichnung unverwechselbar ist. Auf seinem hellblauem Körper befinden sich dunkelblaue Ringe. Seine Fühler sind gestreift und seine Flügel sind mit schwarzen Punkten geschmückt.

Schutzprogramme der Stadt

Ein Schutzprogramm der Stadt Wien ist das Wiener Arten- und Lebensraumschutzprogramm Netzwerk Natur. Es ist im Naturschutzgesetz verankert und soll die Lebensbedingungen von unterschiedlichsten Tier- und Pflanzenarten und deren Lebensräume in der Stadt verbessern. Dafür wurden verschiedene Maßnahmen in den Betätigungsfeldern Gebäudebrüter, Feldlandschaften, Wiesen, Gewässer, Weingärten und Grünanlagen gesetzt. Die Schutzprogramme der Stadt sorgen für Artenvielfalt bei den Insekten und sollen den Einsatz von Insektenvertilgungsmitteln möglichst einschränken. Ein aktuelles Projekt ist das CITY NATURE-Projekt. Es will das Bewusstsein für den Erhalt der Artenvielfalt stärken und Wienerinnen und Wiener durch praktische Maßnahmen wie Exkursionen und Wiesenpflegeaktionen mit Freiwilligen dazu ermuntern, einen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität zu leisten. Es ist ein Kooperationsprojekt von Wien und Bratislava. Mitmachen kann jede und jeder. Mehr Infos hier: https://www.city-nature.eu/termine

 

Naturnahe Grünräume

Insekten mögen es bunt, Sie auch? Dann lassen Sie beim nächsten Rasenmähen ein kleines Eck einfach aus. Denn während wir es lieben, auf frisch gemähtem Rasen zu liegen, können die kleinen Tierchen damit nichts anfangen. Es gibt weder Nahrung in Form von Pollen für die erwachsenen Tiere noch geeignete Futterpflanzen für den Nachwuchs. Schon ein wildes Eck im Garten oder etwas bunte Abwechslung auf Terrasse oder Balkon genügt, um daraus ein Paradies für summende und flatternde Besucher zu schaffen.

Seit 2008 zeichnet die Stadt Wien - Umweltschutz sogar besonders umweltfreundlich gestaltete Gärten, Terrassen, Innenhöfe und Begrünungen mit der Plakette "Naturnahe Grünoase" aus. Voraussetzungen dafür sind unter anderem die Verwendung von torffreier Erde, der Verzicht auf Kunstdünger und der Einsatz biologischer Pflanzenschutzmittel. Mitmachen können Wienerinnen und Wiener aus allen Bezirken. Informationen und Anmeldung unter www.naturnahe-gruenoase.wien.at

Nachhaltige Ernährung

Wer auf Bio setzt, der setzt auch auf eine gesunde und artenreiche Flora und Fauna. Denn bei Biolebensmitteln ist garantiert, dass sie ohne chemische Unkrautbekämpfung und chemisch-synthetische Pestizide produziert wurden. Darüber hinaus wird beim Biolandbau auf schonende Bodenbewirtschaftung, vielfältige Fruchtfolgen und naturnahe, strukturierte Ausgleichsflächen geachtet.

Die Stadt Wien und die stadteigene Landwirtschaft zeigen, wie es geht: Mit 1.900 Hektar zählt der Landwirtschaftsbetrieb der MA 49 zu den größten heimischen Biobetrieben. Angebaut werden unter anderem Biogetreide, -mais, -gemüse und -erdäpfel. Gedüngt wird mit Biokompost der höchsten Güteklasse A+. Auch das stadteigene Weingut Cobenzl bewirtschaftet seine rund 60 Hektar Weingärten in Grinzing, am Nussberg und am Bisamberg ausschließlich mit biologischen Mitteln. Weshalb es auch die Auszeichnung "Nachhaltig Österreich" trägt.

Nicht nur der Mensch, sondern auch zahlreiche Insekten profitieren von Biolandwirtschaft und nachhaltigem Weinbau. Wildbienen, die Ackerhummel, Schmetterlinge wie der Hauhechelbläuling, flotte Käfer und zirpende Grillen wie das Weinhähnchen finden so passende Lebensräume und Nahrungspflanzen. Darüber hinaus leisten die Insekten ganz nebenbei wichtige Bestäubungsdienste an den Kulturpflanzen.

 

Gebäudebegrünungen

Die Grünfassade kann nicht nur schön aussehen, sie ist auch Lebensraum für Insekten und Singvögel. Denn das vertikale Grün bietet Insekten bis in die kalte Jahreszeit ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Singvögeln bieten die begrünten Fassaden dazu noch Nistplatzmöglichkeiten und im Winter Schutz vor der Kälte.

Abgesehen davon bringt die Gebäudebegrünung viele weitere Vorteile mit sich. So speichert die Grünfassade wertvolles Regenwasser, das über die Verdunstung positiv auf das umgebende Kleinklima wirkt. Im Sommer wirken Fassadenbegrünung durch die Beschattung zusätzlich kühlend und im Winter isolieren immergrüne Pflanzen zusätzlich. Darüber hinaus schützen sie die Fassade vor Witterungseinflüssen und sind ein ästhetischer Gewinn für die gesamte Umgebung.

Wollen auch Sie Ihr Dach oder Ihre Fassade mit Pflanzen beleben? Die Stadt Wien fördert die Begrünung von Fassaden, Dächern und Innenhöfen. Mehr Informationen zu Dach- und Fassadenbegrünungen sowie zu den Förderungen unter www.umweltschutz.wien.at/raum

Pestizidminimierung

Es muss nicht immer gleich ein giftiges Pestizid sein. Schädlinge können auch mit Nützlingen bekämpft werden. Das Paradebeispiel sind Marienkäfer gegen Blattläuse. Umweltfreundliche und biologische Schädlingsbekämpfungsmittel sind vielerorts erhältlich und schonen die Insektenfauna.

Die Stadt Wien geht hier schon seit Jahren als gutes Beispiel voran. So werden beispielsweise im Palmenhaus der MA 42 in Hirschstetten australische Marienkäfer zur Wolllausbekämpfung eingesetzt. Im Weingut Cobenzl wird der Traubenwickler, ein häufiger Schädling bei Weinreben, nicht mehr chemisch bekämpft, sondern mit einer Duftwolke aus Pheromonen (= Sexualduftstoffe) besprüht. Der Duft verwirrt den Käfer und vertreibt ihn anschließend.

Infos zum naturnahen Pflanzenschutz gibt’s bei biohelp auf www.biohelp.at

Wie kann ich Insekten unterstützen?

Jede und jeder von uns kann einen Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt und der Insektenlebensräume leisten. Denn Insekten zu fördern, das funktioniert auch im Kleinen. Verwenden Sie für Ihren Garten, Balkon oder auf Ihrer Terrasse vorwiegend heimische Blumen und Kräuter und verzichten Sie unbedingt auf Pestizide.

Wer in der Nähe der Futterpflanzen Platz für ein Insektenhotel hat, kann damit auch Nützlinge wie Wildbienen, Florfliegen oder Marienkäfer anlocken. Bauen Sie sich Ihr eigenes Bienenhotel, es geht ganz einfach. Anleitung und weitere Informationen finden Sie hier.

Insektenfreundliche Wiesen brauchen kaum Pflege und müssen je nach Nährstoffgehalt nur ein bis zwei Mal im Jahr gemäht werden. Aber keine Sorge, das heißt nicht, dass Sie Ihren gesamten Garten verwildern lassen müssen, ein kleines Eck reicht vollkommen. Lassen Sie es einfach unberührt und Sie werden sehen, bald findet sich hier ein buntes Treiben von Bienen, Schmetterlingen, Hummeln und Co.

Gelsentipp: Wer kennt sie nicht, die kleinen Quälgeister im Sommer. Gelsenlarven entwickeln sich vor allem in stehenden Wasserflächen wie nicht abgedeckten Regentonnen oder Pflanztopfuntersetzern. Wer einer Gelsenplage vorbeugen möchte, sollte darauf achten, solche Gegebenheiten auf Balkon, Terrasse oder im Garten zu vermeiden. So geht es auch ohne Insektizideinsatz!

Bevor Sie beim nächsten Brummen, Summen oder Surren zum Fliegenpracker greifen, denken Sie daran, dass jedes Insekt seinen Beitrag zum Ökosystem leistet - also leisten Sie auch Ihren!