Vor hundert Jahren wurde der Grundstein für den Metzleinstalerhof am Margaretengürtel gelegt, hier zu sehen auf einer Archivaufnahme aus den 1920er-Jahren. © Wiener Wohnen
Der Reumann-Hof am Margaretengürtel. Sein Namensgeber, der Wiener Bürgermeister Jakob Reumann, zeichnete maßgeblich für den künftigen sozialen Wohnbau verantwortlich. © Wiener Wohnen
Der Karl-Seitz-Hof in Floridsdorf aus der Zeit des Roten Wien verfügt über rund 1.200 Wohnungen. © Wiener Wohnen
Der Ahornhof, Teil des bezirksübergreifenden George-Washington-Hofs in Favoriten und Meidling, von oben © Wiener Wohnen
Auch im Inneren großzügig bemessen: Der Karl-Marx-Hof in Döbling ist mit 1,1 Kilometer Länge das längste zusammenhängende Wohngebäude der Welt. © Wiener Wohnen
Mit rund 6.000 Einheiten ist die dreiteilige Per-Albin-Hansson-Siedlung in Favoriten die Gemeindebauanlage mit den meisten Wohnungen Wiens. Im Bild: die Siedlung Ost © Wiener Wohnen
In der Anlage am Rennbahnweg in der Donaustadt gibt es rund 2.400 Wohneinheiten. © Wiener Wohnen
Auch Am Schöpfwerk in Meidling finden viele Menschen ein Zuhause. Ihnen stehen rund 1.700 Wohnungen zur Verfügung. © Wiener Wohnen
Deutlich kleiner dimensioniert ist der Gemeindebau in der Weintraubengasse in der Leopoldstadt. Er verfügt lediglich über fünf Wohnungen. © Wiener Wohnen
Noch ist die 2004 fertiggestellte Anlage in der Rößlergasse in Liesing die jüngste ihrer Art. Der Rang wird ihr aber bald abgelaufen. © Wiener Wohnen
In den Barbara-Prammer-Hof in der Fontanastraße in Favoriten werden im Herbst 2019 erste Bewohnerinnen und Bewohner ziehen. Auf ihn sollen im Rahmen von Gemeindebau NEU noch zahlreiche weitere folgen. © Wiener Wohnen

 

Eine Erfolgsgeschichte des Roten Wien

Vor 100 Jahren wurde der Grundstein für den ersten Gemeindebau gelegt, den Metzleinstalerhof. Seitdem wurden rund 2.000 weitere Anlagen errichtet. CLUB WIEN erzählt, wie es dazu kam, und verrät, wie es mit dieser Erfolgsgeschichte weitergeht.

Wiener Wohnen hat allen Grund zu jubeln. Gilt es doch, heuer ein rundes Jubiläum zu feiern: Nicht weniger als 100 Jahre Wiener Gemeindebau werden das ganze Jahr über zelebriert. Ursprünglich sollte die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg mit städtischen Wohnungen bekämpft werden. Heute ist Wiener Wohnen die größte kommunale Hausverwaltung Europas. Der soziale Wohnbau der Stadt gilt dabei seit Jahrzehnten als internationales Vorzeigeprojekt. Doch wo nahm alles seinen Anfang?

Am 4. Mai 1919 fand in Wien die erste Wahl statt, bei der jede Stimme gleich viel galt. Erstmals waren vor allem auch Frauen wahlberechtigt. Als Sieger gingen die Sozialdemokraten mit absoluter Mehrheit hervor, die in weiterer Folge mit Jakob Reumann den Bürgermeister stellten. Den von ihm angestoßenen Reformen ist zu verdanken, dass die Bundeshauptstadt heute so aussieht, wie sie es tut. Dazu gehörten Verbesserungen im Gesundheits- und Fürsorgesystem oder der Ausbau des Bildungs- und Freizeitangebots. Zu den prägenden Errungenschaften des die nächsten Jahrzehnte Ton angebenden Roten Wien waren aber Neuerungen in Sachen Wohnbau und Mieterinnen- und Mieterschutz.

 

"Friedenszins" als Voraussetzung für sozialen Wohnbau

Das war auch notwendig. Um 1900 waren rund 300.000 Wienerinnen und Wiener wohnungslos. Um 1910 lebten in der Stadt wegen der Zuwanderung aus den Kronländern Österreich-Ungarns über zwei Millionen Menschen. Wohnraum war knapp, die Situation verschlimmerte sich zusehends und gipfelte in horrenden Mietzinsen. Wohnungen waren überbelegt, es gab immer mehr Untermieterinnen und Untermieter sowie Bettgeherinnen und Bettgeher. Sogenannte Werkswohnungen und die Arbeit karitativer Stiftungen und Vereine wussten das Elend nur bedingt zu erleichtern. Alle Bemühungen fanden durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein jähes Ende.

Gegen Ende des Kriegs waren schließlich fast drei Viertel aller Wiener Wohnungen überbelegte Ein- und Zweizimmerwohnungen. Die kaiserlich-königliche Regierung musste reagieren, um zu verhindern, dass die Familien der Soldaten an der Front auf der Straße stehen würden. Die Folge waren ein Mietzinsstopp, der sogenannte "Friedenszins", und Einschränkungen des Kündigungsrechts. Damit waren - freilich wenig beabsichtigt - die Voraussetzungen für den sozialen Wohnbau der kommenden Jahre geschaffen.

Zimmer, Küche, Kabinett

Schon kurz nach dem "roten" Wahlsieg 1919 wurde schließlich der Grundstein für einen "Volkswohnbau" gelegt: den Metzleinstalerhof am Margaretengürtel, Anstoß für die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum. 1923 wurde er erweitert und zum "Volkswohnungspalast" mit insgesamt 252 Wohnungen. Die Ähnlichkeit dieses und anderer Gemeindebauten mit Schlossanlagen war durchaus im Sinne der Architektinnen und Architekten: Die Arbeiterinnen und Arbeiter, für die diese Wohnungen gedacht waren, sollten stolz auf ihre neuen Behausungen sein. Jede Wohneinheit verfügte über Gas, Wasser und eine Toilette, oft gab es Balkone, jedes Zimmer hatte ein Fenster. Luftig und hell sollten die Unterkünfte der Menschen sein, so lautete die Devise.

Zimmer, Küche, Kabinett auf 40 Quadratmetern waren für eine ganze Familie vorgesehen. Was nach heutigen Maßstäben beengend klingt, war für die damaligen Arbeiterinnen und Arbeiter Luxus. Zumal die Stadt beim Bau ihrer Anlagen mit zusätzlichen Angeboten nicht geizte: Kindergärten, Bibliotheken, Klubräume und Vereinslokale, Lehrlingswerkstätten, Zahnkliniken, Badeanstalten und voll ausgerüstete Waschküchen. Diese verkürzten den Waschvorgang von zwei Tagen auf fünf Stunden. Mindestens 50 statt der vorgeschriebenen 15 Prozent der Grundfläche blieben unverbaut, in der Regel sogar mehr. Im Karl-Marx-Hof etwa waren und sind es 80 Prozent. Das ließ Platz für Grünflächen im sicheren Inneren. Hier konnten Kinder geschützt im Freien spielen. Ebenerdig waren und sind Geschäfte untergebracht, etwa Greißler, Elektriker oder Friseure. Der Gemeindebau als Stadt in der Stadt quasi.

66.000 neue Wohnungen im Roten Wien

In der Zeit des Roten Wien entstanden rund 66.000 Wohnungen in knapp 500 Gemeindebauten, darunter ikonische wie der Karl-Marx-Hof, der Reumannhof, der George-Washington-Hof, der Karl-Seitz-Hof oder der Rabenhof. Auch diese Ära ging plötzlich zu Ende. Austrofaschismus und danach Nationalsozialismus waren dafür verantwortlich, dass zwischen 1934 und 1945 kaum noch gebaut wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren 20 Prozent aller Wohnungen zerstört, rund 87.000. Nicht zuletzt deshalb hatten 35.000 Menschen in Wien kein Dach über dem Kopf. In den 1950er-Jahren wurden mit fast 500 im Rahmen des Wiederaufbaus schließlich die meisten Gebäude des sozialen Wohnbaus errichtet.

Heute gibt es 220.000 Gemeindewohnungen in rund 2.000 Wohnhausanlagen. In Summe leben 500.000 Menschen - jede vierte Wienerin, jeder vierte Wiener - im Gemeindebau. Mit 28.000 befinden sich die meisten dieser Wohnungen in Favoriten. In diesem Bezirk steht auch eine der größten Anlagen. Die dreiteilige Per-Albin-Hansson-Siedlung wurde in mehreren Abschnitten über Jahrzehnte erbaut und bietet rund 6.000 Wohnungen. In einer ähnlichen Liga spielt etwa die 1971 fertiggestellte Großfeldsiedlung in Floridsdorf mit rund 5.500 Wohneinheiten.

Weltrekordhalter Karl-Marx-Hof

Überhaupt wurde in den 1970er-Jahren groß gebaut. Beispiele sind etwa die Anlagen am Rennbahnweg in der Donaustadt mit rund 2.400 und Am Schöpfwerk in Meidling mit rund 1.700 Wohnungen. Es geht aber auch umgekehrt: Die Häuser in der Weintraubengasse in der Leopoldstadt und in der Dommayergasse in Hietzing sind mit jeweils fünf Wohnungen die kleinsten Gemeindebauten der Stadt. Der Karl-Marx-Hof in Döbling hält dafür einen Weltrekord: Mit 1,1 Kilometer Länge ist er das längste zusammenhängende Wohngebäude der Welt.

100 Jahre Gemeindebau bedeutet aber nicht nur Rückschau, sondern auch einen Blick in die Gegenwart und Zukunft. Derzeit ist noch die 2004 fertiggestellte Anlage in der Rößlergasse in Liesing die jüngste von Wiener Wohnen. Dieser Rang wird ihr aber bald abgelaufen sein: Im Rahmen von Gemeindebau NEU soll die traditionsreiche Geschichte des Wiener Wohnbaus auch 100 Jahre nach seiner Geburtsstunde fortgesetzt werden. Den Anfang macht kommenden Herbst der Barbara-Prammer-Hof in der Fontanastraße in Favoriten. Auf Altbestand wird allerdings nicht vergessen. Bei jeder Generalsanierung wird überprüft, ob im Dachgeschoß zusätzliche Gemeindewohnungen geschaffen werden können. Auf diese Art und Weise sind momentan rund 600 neue Dachgeschoßwohnungen im Entstehen.

Der Gemeindebau bleibt eine Erfolgsgeschichte durch und durch. Aufs Feiern anlässlich seines runden Geburtstags wird natürlich nicht verzichtet. Das vollständige Programm inklusive des großen 100-Jahre-Gemeindebau-Jubiläumsfests im Karl-Marx-Hof am 30. Juni finden Sie hier.