Reges Leben im Auhof im Jahr 1876. Er war über Jahrhunderte das Zentrum des Tiergartens. © Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien

 

100 Jahre Lainzer Tiergarten

1457 wurde er als "Thier- und Saugarten" erstmals urkundlich erwähnt. Vor 100 Jahren wurde er für die Wiener Bevölkerung geöffnet: der Lainzer Tiergarten. CLUB WIEN wirft einen Blick auf die bewegte Geschichte des Naturschutz- und Erholungsgebiets.

Wald und Wiese gab es schon länger auf dem Gebiet, doch erst mit der Bezeichnung "Thier- und Saugarten" bekam es 1457 seinen ersten Namen. Mit dem Ankauf des Auhofs etwa 100 Jahre später wurde über Jahrhunderte ein Zentrum des Tiergartens geschaffen. Das änderte sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Hermesvilla mit dem dazugehörigen Park fertiggestellt wurde. Sie war ein Geschenk von Kaiser Franz Joseph an seine Frau Sisi. Damit wollte er seine reisefreudige Gattin dazu bewegen, öfter in Wien zu verweilen. Heute ist die Villa eine der Attraktionen des Lainzer Tiergartens und lockt mit kulturhistorischen Ausstellungen, aber auch mit ihrem Café-Restaurant ein großes Publikum an.

Zu Beginn nur am Wochenende

Bis die gemeine Wiener Bevölkerung diesen Bereich des Wienerwaldes überhaupt betreten durfte, sollte es bis zum Ende des Ersten Weltkriegs dauern. "Im Jahre 1918 übernahm die Verwaltung des Kriegsgeschädigtenfonds den Lainzer Tiergarten", erklärt Martina Billing vom Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien. "Ein Jahr später erfolgte die Öffnung des Tiergartens für die Bevölkerung, zunächst jedoch lediglich am Wochenende. Kurze Zeit später trennte man ein Teilgebiet an der heutigen Hermesstraße ab und gab es zur Rodung frei: So kam es zur Bildung der heutigen Siedlung 'Friedensstadt'."

 

Die Eintrittsbestimmungen damals waren im Vergleich zu heute streng. Betreten werden durfte der Lainzer Tiergarten nur in geführten Gruppen. Der Ausflug war darüber hinaus mit einer mehr als vierstündigen Wanderung verbunden. Zudem musste man damals noch Eintritt zahlen. In der Zwischenkriegszeit stand der Tiergarten allerdings das erste Mal vor dem Aus. Der Kriegsgeschädigtenfonds stand knapp vor dem Bankrott und wollte mit dem von ihm als wertlos angesehenen Gebiet Geld machen und Gewinn erzielen. Neben einem Golfplatz sollte eine Kleingartensiedlung errichtet werden. In Planung waren zudem ein Waldfriedhof, ein Friedhof für Tiere und ein Sportstadion für Hunderennen.

Naturschutzgebiet erstmals 1941

Es sollte anders kommen. 1937 wurde der Kriegsgeschädigtenfonds aufgelöst, der Lainzer Tiergarten ging ins Eigentum der Stadt Wien über und wurde 1941 zum Naturschutzgebiet erklärt. Der Zugang für die Wienerinnen und Wiener war wieder geschlossen und sollte es bis 1955 bleiben. Rosige Zeiten waren es für das Areal nicht: "Zwischen den Jahren 1945 bis 1955 stand das gesamte Gebiet unter der Verwaltung der sowjetischen Besatzungsmacht", weiß Martina Billing. "Als Folge der allgemein herrschenden Not kam es zur planlosen Abholzung weitläufiger Waldteile, der Wildbestand wurde beinahe ausgerottet, die Hermesvilla verkam zur Ruine."

Nach Abzug der Besatzungsmächte entwickelt sich der Lainzer Tiergarten zum beliebten Ausflugsziel der Wienerinnen und Wiener. 1960 wurde durch den Bau der Westautobahn ein Teil des Gebiets abgetrennt. Als Ausgleich kaufte die Stadt Wien aber ein Areal bei Laab am Walde. Die Hermesvilla wurde behutsam renoviert und 1973 neu eröffnet, ein Jahr darauf war die Eintrittsgebühr Geschichte. In den letzten beiden Jahrzehnten wurde der Lainzer Tiergarten immer mehr zum Naturschutz- und Erholungsgebiet nach modernen Maßstäben und ist seit 2005 Teil des Biosphärenparks Wienerwald.

Lebensraum für bedrohte Pflanzenarten

Heute geht es um die Schaffung neuer Grünräume und die Erhaltung bestehender Naturräume. Mit Erfolg, so Billing: "In den Wiesen und Wäldern des Lainzer Tiergartens gibt es eine Vielzahl bedrohter Tier- und Pflanzenarten, die hier ihren Lebensraum gefunden haben. Vor allem die mächtigen Baumriesen des Lainzer Tiergartens sind ein wesentlicher Lebensraum."

Die Vielfalt ist beachtlich: Es gibt 94 teils sehr seltene Vogelarten, 15 Amphibien- und Reptilienarten, 23 Pflanzenarten, die zum Teil in ganz Wien nur hier vorkommen. Dazu kommen 39 verschiedene Heuschreckenarten und zahlreiche Schmetterlinge und Wildbienen, die von den zahlreichen Wiesen profitieren. Besonders selten, stark gefährdet und daher europaweit geschützt sind außerdem einige Käferarten. Nicht zu vergessen sind selbstverständlich die seit 1928 rückgezüchteten Heckrinder, Wildschweine, Hirsche, Damhirsche, Rehe und Mufflons, die dem Tiergarten seinen Namen geben.

Naturparadies in der Großstadt

Das macht den Lainzer Tiergarten als Teil der "Grünen Lunge" Wiens natürlich auch für die Besucherinnen und Besucher attraktiv. Er ist ein Naturparadies, wie es in Großstädten kaum zu finden ist. Wer den Tiergarten betritt, findet Naturerlebnispfade, ein gut beschildertes Wanderwegenetz mit Rastmöglichkeiten und diversen Aussichtspunkten. Auch Führungen und Exkursionen werden geboten. Pausieren lässt sich auf Lagerwiesen für Picknicks, für die Kleinen gibt es Waldspielplätze. Kultur bietet die Hermesvilla.

Wer sich laben will, kann im Rohrhaus oder im Hirschgstemm Einkehr halten oder im Café-Restaurant Hermesvilla Platz nehmen. Wissbegierige sollten dem 2000 eröffneten Infozentrum des Tiergartens beim Lainzer Tor einen Besuch abstatten. Dort wird bis Ende 2019 eine Jubiläumsausstellung anlässlich 100 Jahre Erholungsgebiet Lainzer Tiergarten gezeigt. Ein Ausflug in den ganzjährig geöffneten Lainzer Tiergarten lohnt sich also immer.